Björn Drescher

Björn Drescher

Björn Drescher über Probleme und Aufgaben der Fondsindustrie

„Der Staat setzt steuerliche und ideologische Fehlanreize“

1. Berufsbilder: Regulatorisch hat sich bei den branchenspezifischen Berufsbildern wie zum Beispiel Fondsmanager, Banker und Finanzberater in den vergangenen beiden Jahrzehnten eine ganze Menge verändert. Bedauerlicherweise aber auch mit Blick auf die gesellschaftliche Akzeptanz dieser Berufsstände und die Attraktivität, die sie auf potenzielle Einsteiger ausstrahlen. Die entscheidende Frage lautet: Wie will man verloren gegangenes Ansehen und Vertrauen zurückgewinnen und finanzielle Anreize schaffen? Die Stärkung der Beraterschaft und Distributionswege muss aber auch schon allein von daher im Interesse der Asset Management Industrie liegen, als sie am Ende nicht von einigen wenigen konzentriert arbeitenden Multiplikatoren und Entscheidern abhängig sein sollte.

2. Kosten: Die Fondsindustrie muss auf der Produktions- und auch auf der Beratungsseite leistungsorientiertere Preis- und Gebührenmodelle entwickeln und standardisieren, die sowohl dem Umfang der erbrachten Dienstleistungen als auch den zu gegebener Zeit an den Kapitalmärkten erzielbaren Rohrenditen in angemessener Weise Rechnung tragen. Das in Anlegerkreisen weit verbreitete Image der Asset-Management-Branche als Kostentreiber und Ertragskannibale ist in vielen Fällen nicht ganz unbegründet.

3. Produkt-Klarheit und Wahrheit:
Die Schwierigkeit liegt für die Vertriebe und Berater schon seit Jahren weniger darin, die in den Prospekten und Produktinformationen beschriebenen Chance-Risiko-Profile mit den Bedürfnissen und Zielen ihrer Kunden in Einklang zu bringen. Das Problem besteht vielmehr darin, dass die Produkte den ihnen zugesprochenen Eigenschaften nicht gerecht werden - sowohl mit Blick auf die Volatilität, als auch hinsichtlich der Chance-Risiko-Profile. Produkt-Klarheit und Wahrheit müssen gestärkt werden.

4. Prozyklik: Wenn die Geschichte der Fondsidee in Deutschland häufig von enttäuschten Erwartungshaltungen geprägt wurde, ist dieser Umstand auch im Kontext einer prozyklischen Produktpolitik weiter Teile der Anbieterlandschaft zu sehen, die obendrein auch noch von prozyklischen Tendenzen der Berichterstattung in den Medien katalysiert und verstärkt wurden. Weniger Main-Stream, mehr Antizyklik und auch Beständigkeit im Denken und Handeln stände allen Beteiligten gut zu Gesicht.  

5. Erwartungshaltung:
Die Erwartungshaltung der Anleger steht oftmals in krassem Widerspruch zu dem, was einzelne Produktformen und Assetklassen leisten können. Historische, aber überholte Verlaufsmuster tragen zu diesem Umstand ebenso bei, wie die Produktgeber und Berater, die entsprechende Eigenschaften und Trends zum Zweck einer einfacheren und besseren Vermarktung auf die Zukunft fortschreiben wollen. Eine Dämpfung der Erwartungshaltung, frei nach dem Motto, verspreche nichts, was du nicht halten kannst, ist im Rahmen der Vertrauensbildung wesentlich hilfreicher.

6. Staatlicher Rückhalt und Akzeptanz: Der Interessenkonflikt des Staates, zwischen seiner anteiligen Refinanzierung über die von ihm begebenen Anleihen einerseits und der privaten Altersvorsorge zu der er seine Bürger auffordert andererseits, tritt immer offener zutage und bedarf der Klärung. Insbesondere mit Blick auf die Ertragsoptimierung der Vermögensbildung in Form unternehmerischer Beteiligungen. Es wird keine Aktienkultur geben, solange sich der Staat der gesellschaftlichen Akzeptanz - Bedeutung und Attraktivität - selbst in den Weg stellt und steuerliche wie auch ideologische Fehlanreize und Signale setzt.

7. Bürokratie- und Dokumentationsabbau: Die Exploration der Anleger und die Dokumentation des Beratungsgesprächs sind richtig und wichtig, müssen aber mit Blick auf den Aufwand in angemessener Weise erfolgen. Wie können die Grundlagen für Empfehlungen ermittelt und die Beratungsgespräche zusammengefasst werden, ohne dass die Anleger sich vernommen fühlen und die Berater sich unkalkulierbaren Haftungsrisiken aussetzen. Pragmatischere Lösungen müssen her, soll die individuelle Anlageberatung nicht gefährdet werden.

8. Basisarbeit Aufklärung: Das Finanzwissen der Bundesbürger muss verbessert werden. Dazu bedarf es Grundlagen in den Sozialisationsinstanzen wie Schulen und Universitäten. Aufklärungseinheiten über wirtschaftliches Grundwissen, die Altersvorsorge und den Versicherungsbedarf müssen mit Anlegerseminaren verbunden werden, in denen erklärt wird, auf welche Aspekte bei der Auswahl entsprechender Lösungen zu achten ist.  Dabei kommt dem praxisnahen und erlebnisorientierten Lernen eine entscheidende Rolle zu.

9. Margenerosion:
Die Institutionalisierung der Fonds- und Finanzindustrie geht unter Effizienzgesichtspunkten mit einer zunehmenden Konzentration der Asset Manager auf institutionelle Anleger einher. Das Retailgeschäft gilt als kleinteilig und unproduktiv. Dass die Margen im Zuge dieser Politik unter Druck geraten, versteht sich von selbst. Wie lässt man sich weniger auspressen?

10. Herausforderung Asset Management: Diese Herausforderung besteht auf Seiten der Asset-Management-Industrie immer. Die Aufgabe ist indes tendenziell eher größer als kleiner geworden. Denn das Niedrigzinsumfeld will ebenso gemeistert werden, wie der Umgang mit veränderten Chance-Risiko-Profilen und Korrelationen erlernt sein will.

11. Rationalisierungen: Weite Teile der Fondsindustrie haben es in den letzten Jahren versäumt, ihre Produktpaletten zu überarbeiten und auszumisten, sich auf ihre Kernkompetenzen zu beschränken und Synergien mit anderen Anbietern zu suchen. Der Kosten- und Wettbewerbsdruck infolge der durch den technischen Fortschritt transparenter werdenden Absatzmärkte wird schon bald alle dazu zwingen.

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