Die Weltwirtschaft befindet sich in einer Phase tiefgreifender Veränderungen. Jahrelang bestimmten Globalisierung, niedrige Inflation und ein reichliches Angebot an Kapital die Märkte. Heute prägen dagegen Kapazitätsengpässe bei Energie, Arbeitskräften, Infrastruktur, Rohstoffen und Kapital das wirtschaftliche Umfeld. Diese Knappheiten beeinflussen Wachstum, Inflation und Renditen stärker als noch vor wenigen Jahren.

Auslöser dieser Entwicklung sind nicht nur die Folgen der Pandemie, sondern auch geopolitische Konflikte und der weltweite Trend zu mehr wirtschaftlicher und technologischer Unabhängigkeit. Unternehmen und Regierungen investieren verstärkt in resiliente Lieferketten, Energieversorgung, Verteidigung und Digitalisierung. Das erhöht zunächst die Kosten und bindet erhebliche finanzielle Ressourcen.

Gleichzeitig eröffnet die künstliche Intelligenz die Aussicht auf einen historischen Produktivitätsschub. Genau daraus entsteht das zentrale Spannungsfeld der kommenden Jahre: Bleibt die Welt von Knappheit geprägt, oder schafft KI langfristig eine neue Phase des Überflusses?

KI als Hoffnungsträger – und neuer Ressourcenverbraucher

Der KI-Boom nährt Hoffnungen auf dauerhaft höheres Wirtschaftswachstum. Optimisten erwarten, dass KI Innovationen beschleunigt, wissenschaftliche Durchbrüche ermöglicht und die Produktivität vieler Branchen deutlich erhöht. Anders als frühere technologische Revolutionen könnte KI nicht nur Arbeitsprozesse verbessern, sondern den Innovationsprozess selbst beschleunigen.

Bis dieses Potenzial Realität wird, sind jedoch enorme Investitionen notwendig. Der Ausbau von Rechenzentren, Halbleitern, Stromnetzen und digitaler Infrastruktur erfordert gewaltige Mengen an Energie, Kapital, Fachkräften und kritischen Rohstoffen. Kurzfristig verstärkt KI daher die bestehenden Angebotsengpässe, bevor sie möglicherweise selbst zu deren Lösung beiträgt.

Für Anleger stellt sich deshalb eine entscheidende Frage: Kann KI die Produktionskapazitäten schnell genug erhöhen, um die heutige Knappheit auszugleichen? Oder bleibt die Welt dauerhaft durch begrenzte Ressourcen geprägt?

Sechs Makrofragen bestimmen die Kapitalmärkte

Die Antwort auf diese Kernfrage beeinflusst zahlreiche weitere Entwicklungen an den Finanzmärkten. Insgesamt stehen Anleger derzeit vor sechs eng miteinander verknüpften makroökonomischen Unsicherheiten.

  • Erstens geht es um die grundsätzliche Frage, ob Knappheit oder Überfluss das zukünftige Wirtschaftssystem bestimmen werden.
  • Zweitens ist offen, ob KI-Anwendungen durch technischen Fortschritt immer günstiger werden oder ob steigende Infrastrukturkosten und hohe Investitionen ihre Nutzung langfristig verteuern.
  • Drittens steht die Zinsentwicklung im Mittelpunkt. Höhere Produktivität könnte die Inflation langfristig dämpfen und sinkende Zinsen ermöglichen. Gleichzeitig sprechen anhaltende Angebotsengpässe und der steigende Kapitalbedarf für dauerhaft höhere Renditen.
  • Viertens rückt die hohe Staatsverschuldung in den Fokus. Ein kräftiger Wachstumsschub würde die Finanzierung steigender Schulden erleichtern. Bleibt das Wachstum dagegen schwach, könnten Investoren höhere Renditen für langfristige Staatsanleihen verlangen.
  • Fünftens bleiben geopolitische Risiken ein wesentlicher Unsicherheitsfaktor. Konflikte im Nahen Osten oder Unterbrechungen wichtiger Handelsrouten könnten jederzeit neue Angebotsschocks auslösen.
  • Sechstens stellt sich die Frage, ob die USA ihre wirtschaftliche Führungsrolle behaupten können. Zwar sprechen der große Kapitalmarkt, die technologische Stärke und die führende Position bei KI dafür. Gleichzeitig investieren auch Europa und Asien massiv in Zukunftstechnologien und strategische Industrien.

Mehrere Zukunftsszenarien statt eines Basisszenarios

Die Kombination dieser Unsicherheiten erschwert die Einschätzung der Kapitalmärkte erheblich. Anders als in früheren Konjunkturzyklen gibt es heute nicht mehr nur einen wahrscheinlichen Basistrend mit kleineren Abweichungen. Vielmehr existieren mehrere plausible Szenarien, die sich gegenseitig ausschließen.

Im optimistischen Szenario steigert KI die Produktivität nachhaltig. Das Wirtschaftswachstum beschleunigt sich, technologische Fortschritte gleichen die heutigen Investitionen aus und der Inflationsdruck nimmt langfristig ab.

Im gegenteiligen Szenario dominieren dagegen Ressourcenknappheit und hohe Investitionskosten. Das Wachstum bleibt begrenzt, während Kapitalbedarf und Inflation erhöht bleiben. In diesem Umfeld würden auch die Zinsen länger auf einem höheren Niveau verharren.

Aus Sicht der Investmentstrategen von BlackRock spricht derzeit mehr für dieses zweite Szenario. Bevor KI ihre wirtschaftlichen Erträge entfalten kann, müssen zunächst enorme Summen investiert werden. Diese Investitionen erhöhen den Wettbewerb um Kapital und sorgen für Aufwärtsdruck bei den Zinsen.

Höhere Zinsen verändern die Rolle von Anleihen

Mit dem Ende der langjährigen Niedrigzinsphase verändert sich auch die Funktionsweise traditioneller Portfolios.

Über viele Jahre konnten Staatsanleihen Kursverluste an den Aktienmärkten häufig ausgleichen. In einer Welt, die stärker von Angebotsschocks als von Nachfrageschwäche geprägt ist, funktioniert dieser Diversifikationseffekt jedoch deutlich schlechter. Aktien und Anleihen reagieren inzwischen häufig gleichzeitig auf steigende Inflation und höhere Renditen.

Dadurch verlieren klassische Portfolioansätze an Wirksamkeit. Anleger können sich weniger auf starre Mischungsverhältnisse verlassen und müssen ihre Allokation flexibler an das sich verändernde makroökonomische Umfeld anpassen.

Neue Anlagekonzepte gewinnen an Bedeutung

Hinzu kommt, dass sich die Struktur der Kapitalmärkte selbst verändert. Große Zukunftstrends wie KI, Energiewende oder Digitalisierung führen dazu, dass einzelne Branchen und Unternehmen einen immer größeren Einfluss auf die Wertentwicklung der Märkte erhalten. Gleichzeitig entstehen neue Anlagechancen, die sich nicht mehr eindeutig klassischen Anlageklassen zuordnen lassen.

Statt ausschließlich zwischen Aktien und Anleihen zu unterscheiden, rücken deshalb Themeninvestments stärker in den Mittelpunkt. Entscheidend ist weniger die Wahl einer einzelnen Anlageklasse als vielmehr die gezielte Positionierung entlang langfristiger struktureller Trends.

Ein moderner Portfolioansatz beginnt deshalb mit einem breit diversifizierten Gesamtportfolio. Anschließend können Anleger gezielt Schwerpunkte setzen – etwa bei Infrastruktur, Digitalisierung, Energieversorgung oder anderen langfristigen Wachstumsthemen. Erst im letzten Schritt erfolgt die Entscheidung über das geeignete Anlageinstrument, beispielsweise aktive Fonds, Indexstrategien, öffentliche oder private Märkte.

Flexibilität wird zum entscheidenden Erfolgsfaktor

Die kommenden Jahre dürften weniger durch einen klar vorhersehbaren Konjunkturpfad geprägt sein als durch konkurrierende wirtschaftliche Szenarien. Gerade deshalb gewinnt die Fähigkeit an Bedeutung, Portfolios laufend an neue Informationen anzupassen.

Wer seine Investments ausschließlich an historischen Zusammenhängen ausrichtet, könnte in einem Umfeld struktureller Veränderungen an Grenzen stoßen. Erfolgreiches Investieren erfordert künftig einen flexibleren Blick auf wirtschaftliche Trends, geopolitische Entwicklungen und technologische Innovationen.

Ob am Ende Knappheit oder Überfluss das wirtschaftliche Umfeld prägen wird, lässt sich heute noch nicht beantworten. Sicher scheint jedoch: Wir sind mittendrin in der Transformation der Weltwirtschaft – und mit ihr verändern sich auch die Spielregeln an den Kapitalmärkten.

Der Artikel ist eine Zusammenfassung aus dem globalen Ausblick von BlackRock zur Jahresmitte. Jetzt den globalen Halbjahresausblick entdecken