Rund 28 Milliarden US-Dollar verwaltet BlackRock in Health-Care-Portfolios. Ein Grund dafür ist eine Frau: Dr. Erin Xie ist seit 2001 als Portfoliomanagerin für Health-Care-Aktienportfolios zuständig; zunächst beim Asset Manager State Street Research & Management (SSRM), der 2005 mit BlackRock fusionierte.

Im von AJ Ziegler moderierten BlackRock-Webinar „Health Care Sector Market Outlook“ beantwortete die promovierte Biochemikerin und Leiterin des Health-Sciences-Teams von BlackRock eine ganze Reihe von Fragen.

Frau Xie, warum sollten Investoren jetzt über Health-Care-Investments nachdenken?

Erin Xie

Erin Xie: Sowohl im Inflationsumfeld als auch in normalen Marktphasen, aber auch in Rezessionen schneidet historisch gesehen der Health-Care-Sektor gut ab – besser als die meisten anderen Aktiensektoren. Das basiert unter anderem auf den stabilen Erträgen. Zwar war der Sektor im vergangenen Jahr von einer Underperformance gegenüber dem breiten Aktienmarkt gekennzeichnet, was zum Jahreswechsel nicht zuletzt mit dem Thema künstliche Intelligenz zusammenhing, auf dem aktuell der Anlegerfokus liegt. Doch inzwischen ist die Bewertung des Health-Care-Sektors sehr attraktiv und liegt teils prozentual zweistellig unter dem historischen Durchschnitt. Aufgrund der globalen demografischen Entwicklung und der strukturell steigenden Nachfrage bietet dieser defensive Sektor immenses Potenzial.

Zudem ist der Gesundheitssektor auch vielfältiger als man denkt. Er lässt sich in vier Bereiche untergliedern, die in verschiedenen Marktphasen unterschiedliche Stärken haben: Biotechnologie, Pharmazie, medizinische Geräte und Gesundheitsdienstleister. Unser BGF World Healthscinece Fund investiert in rund 90 bis 140 Unternehmen aus allen vier Bereichen, die uns fundamental überzeugen und bei denen wir das größte Potential sehen, dass sie von den langfristigen Wachstumstrends der Branche profitieren können.

Wie stehen Sie zu Biotechnologie? In welche Unternehmen investieren Sie hier?

Xie: Insgesamt haben wir im Biotechnologie-Markt 800 Small- und Midcap-Unternehmen im Blick; hohen Risiken stehen hier potenziell enorme Renditen gegenüber. Von den 800 Unternehmen werden auf längere Sicht nur 100 überleben. Daraus ergeben sich gute Chancen für aktive Manager, um auf Basis einer ausführlichen Fundamentalanalyse die Gewinner von morgen identifizieren zu können.

Besonders spannend ist hier aktuell die Onkologie, denn dieser Bereich der Biotechnologie macht große Fortschritte. Wir sind Zeuge der Entdeckung einer ganzen Reihe neuer Therapien. Entwickelt wird eine Welle von neuen Medikamenten, die ganz gezielt eingesetzt werden können und deutlich verträglicher für die Patienten sind. Zu nennen wären die erfolgreichen Pioniere bei mRNA-Technologien, die sich einen riesigen Wachstumsmarkt erschließen.

 

Inwieweit sehen Sie Potenzial bei Medizintechnik-Unternehmen, nachdem diese im vergangenen Jahr deutlich im Minus lagen?

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Xie: Medizintechnik-Hersteller litten unter den Lieferkettenproblemen und dem Chipmangel, was Druck auf die Erträge ausübte. Die Erträge kamen zusätzlich unter Druck, weil in den Krankenhäusern aufgrund der Pandemie deutlich weniger Behandlungen durchgeführt wurden. Vor diesem Hintergrund hatten wir unser Exposure wesentlich zurückgefahren. Mittlerweile haben sich die Probleme aufgelöst: Die Medizintechnik-Hersteller haben in den ersten beiden Quartalen des laufenden Jahres starke Zahlen vorgelegt, die Lage hat sich wieder normalisiert. Auch die Zahl der Mitarbeiter wird weiter aufgestockt. Die Lieferketten funktionieren wieder und die Erträge sollten sich rasch erholen.

Gerade im Bereich der Medizinrobotik beobachten wir eine sehr starke Nachfrage. Immer mehr Mediziner werden im Umgang mit diesen Geräten geschult, die Krankenhäuser sparen durch ihren Einsatz über die Jahre hohe Kosten. Roboter-assistierte Technologien, Instrumente und Services für minimalinvasive Eingriffe werden immer wichtiger. Patienten haben eine OP am Morgen und können am Abend mit der Familie essen gehen. Der Bereich der minimalinvasiven medizinischen Versorgung ist ein reizvoller Wachstumsmarkt, den wir mit unserem BGF Next Generation Health Care Fund abdecken. Diese Fondsstrategie investiert gezielt in kleinere und disruptivere Unternehmen der Branche.

Auch bei Therapien für neurologische Erkrankungen kommt die Medizin voran. Forschungsteams suchen weltweit nach einem Medikament gegen Alzheimer – bislang ohne durchschlagenden Erfolg. Doch mit dem Anfang Januar 2023 von der US-Arzneimittelbehörde FDA zugelassenen Wirkstoff Lecanemab scheint Bewegung in den Markt zu kommen. Wird Alzheimer zur Investmentchance?

Xie: Ja, wir sehen gerade bei neurologischen Erkrankungen zahlreiche Investmentchancen. Es gibt hier viele neue Entwicklungen und erfolgreiche Therapien. Die Unternehmen kommen der starken Nachfrage gar nicht hinterher. Über die Zeit wird es eine ganze Reihe von Unternehmen geben, die sich mit der Therapie von neurologischen Erkrankungen beschäftigen, in diesem Bereich wird intensiv geforscht. So werden auch bei Alzheimer-Medikamenten Meilensteine erreicht. Durch die erreichten Zielmarken kommen neue Gelder in den Markt, was das zukünftige Wachstum wiederum stärkt.

Viel tut sich derzeit bei generativer KI. Wie schätzen Sie den Einfluss von künstlicher Intelligenz auf den Health-Care-Sektor ein?

Xie: Manche Bereiche werden KI schnell in ihre Arbeitsprozesse integrieren, andere werden dafür länger brauchen. Bei Verwaltungsaufgaben innerhalb der Unternehmen wird sich durch KI ganz klar vieles ändern. Für die wissenschaftliche Arbeit der Branche gilt aber: Um Therapien erfolgreich auf den Markt zu bringen, braucht es jahrelange Forschungsarbeit. KI ist bislang noch zu ungenau. Wir bewegen uns in einem hochgradig regulierten Sektor, da ist kein Platz für unverbindliche Ansätze.

Dessen ungeachtet kommt KI bereits seit einiger Zeit in der Medikamentenentwicklung zum Einsatz. Ob KI aber diesen Industriezweig revolutioniert, ist noch nicht ausgemacht – die Ergebnisse sind nur zu 90 Prozent stimmig.

Welche Unternehmen, dies als letzte Frage, sind für die Investitionen des Health-Sciences-Teams, das zur Active Equity Group von BlackRock gehört, besonders interessant?

Xie: Value-Unternehmen finden wir sehr spannend. Wir wollen tolle Unternehmen mit einer herausragenden Zukunft zu einem günstigen Preis kaufen. Dabei ist es wichtig, dass die Erträge wachsen und wir bei Neuentwicklungen von den klinischen Studienergebnissen überzeugt sind. Reizvoll finden wir auch Firmen, die hochautomatisiert sind. Sie können besser als viele ihrer Mitbewerber mit dem durch die demografische Wende entstehenden Kostendruck umgehen. Wer es schafft, zu niedrigen Kosten global gefragte Qualitätsprodukte auf den Markt zu bringen, etwa durch den gezielten Einsatz von ausgereifter künstlicher Intelligenz, kommt bei uns ganz oben auf die Watchlist.

 

Über die Interviewte:

Dr. Erin Xie, Managing Director und Portfoliomanagerin, ist Leiterin des Health-Sciences-Teams innerhalb der Active Equity Group von BlackRock. Als Portfoliomanagerin ist sie für die Aktienportfolios des Health-Sciences-Teams verantwortlich. Xie arbeitete von 2001 bis 2005 für State Street Research & Management (SSRM), als der Asset Manager 2005 mit BlackRock fusionierte.