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Der britische Premier Boris Johnson Anfang November in einer schottischen Destillerie: Vier Anläufe brauchte er, um Neuwahlen durchzusetzen. | © Getty Images

BlackRock-Monatsbilanz für Oktober

Die gute Laune steht auf wackeligen Beinen

Lizge Yikmis, Kapitalmarktstrategin bei BlackRock

Dem Halloween-Grusel zum Trotz schienen die Kapitalmärkte im Oktober immun gegen Hexen, Zombies und Vampire zu sein. So kletterte der DAX auf ein neues Jahreshoch und der S&P 500 Index gar auf ein neues Allzeithoch. Zudem entwickelten sich auch die Aktien der Schwellenländer gut, ebenso die Renditen von sicheren Staatsanleihen.

Ein Blick in die Geschichtsbücher der Finanzmärkte offenbart, dass der Oktober Anleger nur selten in Schockstarre versetzten konnte. Ganz im Gegenteil: In der Vergangenheit entwickelten sich vor allem deutsche Aktienmärkte in den jeweiligen Oktober-Monaten besser als in den restlichen elf Monaten des entsprechenden Jahres. So endete der Herbstmonat häufiger mit einem Kursanstieg, der zudem im Schnitt höher ausfiel als in den übrigen Monaten.

Ein Beleg dafür ist der DAX. Dieser konnte einen Kursanstieg von durchschnittlich knapp 3,5 Prozent erzielen. Hauptgrund für die Erholung der Märkte im Oktober 2019 war die erhöhte Anleger-Risikoneigung – wegen des nachlassenden geopolitischen Risikos.

Das Süße könnte sich als Saures entpuppen

Vor allem zwei Dauerbrennerthemen schienen sich im zehnten Monat des Jahres allmählich aufzulösen: der Handelskonflikt zwischen den USA und China sowie der Brexit. Das erfreute die Anleger, denn die Wahrscheinlichkeit eines eskalierenden Handelskrieges oder eines harten Brexits wurden zunehmend geringer. Doch die gute Laune steht auf wackeligen Beinen. Bei beiden Themen könnte das Stimmungspendel rasch in die andere Richtung zurückschwingen.

Sollte US-Präsident Donald Trump seine Meinung erneut und unerwartet ändern und seine derzeitige Annährung an China ins Gegenteil kippen, würde er den Konflikt abermals auf eine neue Eskalationsstufe heben. Dass es zum 31. Oktober doch nicht zu einem harten Ausscheiden Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU) gekommen ist, könnte sich noch als Pyrrhussieg erweisen. Zumindest, wenn die Parlamentswahlen im Dezember 2019 nicht zu einem klaren Ergebnis führen.

Zeitgleich sitzt auf der anderen Seite des Bosporus mit Recep Tayyip Erdoğan ein taktisch agierender Präsident: Seine Taten, etwa die Invasion in Syrien, könnten unabsehbare Folgen für die Märkte haben. Das geopolitische Risiko kann jederzeit wieder aufflammen, solange einige Politiker weltweit ihren Machterhalt über das Wohl der Allgemeinheit stellen. Obwohl der Oktober durchaus Süßes für die Märkte parat hielt, könnte sich das Süße bald doch noch als Saures entpuppen.

Abgang eines geldpolitischen Schelms

Acht Jahre lang stand Mario Draghi an der Spitze der EZB. Am 31. Oktober endete seine Amtszeit. Christine Lagarde, seine Nachfolgerin, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit den Kurs ihres Vorgängers fortsetzen. Auf sie warten schwerwiegende Aufgaben. Die Versöhnung eines hochgradig zerstrittenen EZB-Rats dürfte dabei die wohl drängendste sein.

Mario Draghi selbst hat viel für den Euro geleistet – nicht nur für dessen Stabilität, sondern auch für das Überleben der Eurozone. Dabei musste er allerdings immer tiefer in die geldpolitische Trickkiste greifen. Die Entwicklung einer schwindenden Inflation konnte er dennoch nicht aufhalten. Zu mächtig waren die strukturellen Ursachen der geringen Preissteigerung wie der Megatrends Digitalisierung, Globalisierung oder demografischer Wandel. Die Inflationsrate betrug seit seinem Amtsantritt im November 2011 im Schnitt 1,1 Prozent.

Insofern dürfte Draghi als erster EZB-Chef in die Geschichte eingehen, der im Verlauf seiner Amtszeit nicht ein einziges Mal die Zinsen anhob. Womöglich bleibt er nicht der letzte.

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