Blockchain und Irrtümer Der leise Tod der Banken?

Karsten Müller ist Geschäftsführer der Vermögensverwaltung Chainberry

Karsten Müller ist Geschäftsführer der Vermögensverwaltung Chainberry

Wenn die Sprache auf Blockchain kommt, landet die Diskussion schnell bei der Spekulation rund um Kryptowährungen wie dem Bitcoin. Dabei wird vergessen, dass Kryptowährungen lediglich für die Blockchain maßgeschneiderte Verrechnungseinheiten mit höchst unterschiedlichen Charaktereigenschaften sind. Im Finanzbereich bietet die Blockchain große Chancen für Newcomer und birgt entsprechende Risiken für etablierte, traditionelle Banken.

Kryptowährungen lassen sich grob in vier Kategorien einteilen: Da wären Kryptos wie der Bitcoin, die für sich in Anspruch nehmen, als eigenständige Währung Akzeptanz zu finden. Die zweite Kategorie sind Kryptos, die zusätzlich mit diversen Rechten wie Anteile an Projektergebnissen verknüpft sind und mittels ICOs zu VC-Finanzierungszwecken eingesetzt werden.

Weniger im Fokus steht die dritte Kategorie: Kryptowährungen, die fest mit klassischen Währungen wie Euro oder Dollar verknüpft sind, sogenannte Stable Coins. Ihr Spekulationscharakter ist gleich null, sie dienen lediglich als maßgeschneiderte Verrechnungseinheiten in Blockchain-basierten Eco-Systemen, was man sich so vorstellen kann: Im Wirtschaftsprozess wird echtes Geld in digitales Geld umgewandelt, sodass es im Blockchain-System perfekt eingesetzt werden kann. So kann dann alles im System ge- und verkauft werden. Das digitale Geld kann das System auch jederzeit wieder verlassen und ohne Wertschwankungen in traditionelles Geld zurückverwandelt werden. Aber was kann überhaupt innerhalb des Systems ge- und verkauft werden?

Hier kommt die vierte Kategorie der Kryptos ins Spiel: Sie verbriefen Assets oder Rechte aus der Realwirtschaft und stellen eine Art Derivat für Immobilien, Waren, Mieteinnahmen, Kredite, Zinsen etc. dar. Die Möglichkeiten dieser Verbriefung, der Tokenisierung, sind fast unbegrenzt. Für fast alles „Reale“ lässt sich ein digital handelbares Krypto-Derivat erzeugen.

Bei genauer Betrachtung der beiden letztgenannten Kategorien eröffnet sich ein Zukunftsbild, das nichts mit Krypto-Spekulation zu tun hat. Innerhalb von Blockchain-Systemen lassen sich beliebige Krypto-Derivate der Realwirtschaft kaufen und verkaufen und zwar gegen digitale Verrechnungseinheiten, die an traditionelle Währungen gekoppelt sind. Und da man via Blockchain in einer digitalen Welt ohne Mittler unterwegs ist, können auch Aufgaben, die sonst Menschen vorbehalten sind wie Entscheidungsfindung, Verhandlung, Tracking, Abwicklung etc., von Maschinen und Computern übernommen werden. Daraus ergibt sich ein fast unlimitiertes Einsatz-Repertoire für viele Branchen und Industriezweige.

Vor allem der Finanzsektor wird diese Entwicklung frühzeitig zu spüren bekommen. Beleuchtet man Sinn und Zweck der Banken, fängt das mit dem Zahlungsverkehr an. Dieser Geschäftsbereich wird sich zuerst auf die Blockchain-Reise begeben. Bereits jetzt haben Newcomer im Payment-Bereich den etablierten Banken ein gehöriges Stück vom Kuchen abgenommen. Ant Financial, welches das Payment-System AliPay betreibt, ist das aktuell wertvollste Start-up der Welt. Nach der letzten Finanzierungsrunde ist Ant Financial mit 150 Milliarden US-Dollar bewertet und damit teurer als Goldman Sachs. Übrigens ist hier ein Börsengang in Aussicht gestellt. Auch Wirecard hat mit seinem Aufstieg in den DAX und der Ablösung der Commerzbank jüngst von sich reden gemacht. Die vorgenannten „jungen Wilden“, aber auch WorldLine aus Frankreich oder Square in den USA, haben alle gemein, dass sie intensiv an der Einführung von Blockchain-Technologie arbeiten. Wegen ihrer Geschäftsmodelle und ihrer Flexibilität werden sie vor den traditionellen Banken am Start sein. Die wiederum werden dabei wohl nicht Schritt halten können und mittelfristig erhebliche Teile ihres Zahlungsverkehrsgeschäftes verlieren.