Bloomberg-Umfrage

Grexit für wahrscheinlich gehalten

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Griechenland wird den Euroraum verlassen, so lautet die Einschätzung der Mehrheit von Investoren, Analysten und Händlern in einer weltweiten Bloomberg-Umfrage. Das südeuropäische Land steckt in einer anhaltenden Finanzkrise und liegt im Clinch mit seinen Gläubigern bezüglich der Modalitäten des Hilfsprogramms.

52 Prozent der Befragten in der Bloomberg Markets Global Poll glauben, dass das klamme Griechenland irgendwann aus der Währungsunion ausscheiden wird, während 43 Prozent Hellas für absehbare Zukunft weiter im Euro-Währungsraum sehen. Bei der gleichen Frage im Januar prognostizierten lediglich 31 Prozent einen Austritt Griechenlands und 61 Prozent erwarteten einen Verbleib im Euroraum.

Die pessimistische Einschätzung der Aussichten Griechenlands mehr als fünf Jahre nach dem ersten Hilfspaket ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass das Land am Rande eines finanziellen Abgrunds steht. Ministerpräsident Alexis Tsipras ist es bisher nicht gelungen, mit den institutionellen Gläubigern des Landes eine Kreditvereinbarung zu erreichen. Er hält an seinem Wahlkampfversprechen fest, die Sparmaßnahmen zurückzudrehen, während die Banken des Landes weiterhin von den Stützungsmaßnahmen der Europäischen Zentralbank abhängig sind.

„Der Bankensektor ist Griechenlands Achillesferse, und wenn die EZB beschließt, die Finanzierung zu stoppen, ist die Situation noch wackliger als jetzt schon, sagt Diego Iscaro, leitenden Ökonom bei IHS Global Insight in London. „Das könnte letztlich einen Ausstieg auslösen.

Nachdem griechische Banken den Zugang zu den Kapitalmärkten verloren haben und von den regulären Finanzierungsgeschäften der EZB derzeit ausgeschlossen sind, hängen die Finanzinstitute von den Notfall-Liquiditätshilfen (ELA) der griechischen Notenbank ab, die jedoch von der EZB genehmigt werden müssen.

18 Prozent der Befragten aus der April-Umfrage erwarten ein Ausscheiden in diesem Jahr, weitere 22 Prozent rechnen mit einem Ausstieg Griechenlands vor Ende 2016.

Gizem Kara, Ökonom bei BNP Paribas in London, verweist darauf, dass das Ansteckungsrisiko aus einem Ausscheiden Hellas’ begrenzt worden sei. Die Gefahren, die von dem am stärksten verschuldeten Land im Euroraum ausgehen, sind durch die OMT- und QE-Programme der EZB verringert worden sowie durch die Schaffung des Euroraum-Rettungsfonds und einer einheitlichen Bankenaufsicht durch die Zentralbank. Gleichzeitig seien Banken rekapitalisiert worden und die Regierungen haben ihre Defizite verringert.

„Im März haben wir unsere Wachstumsprognosen recht erheblich angehoben und einer der Hauptgründe dafür ist das QE der EZB, erläutert Kara. „Niedrigere Zinsen werden in Investitionswachstum münden und die besseren Nachfrageperspektiven allgemein werden Unternehmen bewegen, Investitionen und Beschäftigung zu erhöhen.

Laut der am 14./15. April durchgeführten Bloomberg-Umfrage ist der Anteil der Teilnehmer, die eine konjunkturelle Besserung im Euroraum sehen, von 14 Prozent im Januar auf 39 Prozent gestiegen. Hingegen sind 33 Prozent der Ansicht, dass die Lage sich verschlechtert, nur noch halb so viel wie bei der Umfrage vor vier Monaten. Sechsundzwanzig Prozent denken, dass die Euroraum-Wirtschaft stabil ist, ergab die April-Umfrage.

Es sei jedoch gefährlich zu glauben, dass Griechenland das einzige große Risiko für die Euroraum-Wirtschaft sei, sagt Ludovic Subran, Chef-Ökonom beim Handelskreditversicherer Euler Hermes in Paris.

„Viele sehen Griechenland als einen üblen Fall von Wundbrand, aber es ist falsch zu sagen, dass Europas Probleme verschwinden werden, wenn Griechenland abgetrennt wird, sagt er. „Insgesamt betrachtet kann man sagen, dass der Umsatz von Unternehmen in den meisten Ländern bestenfalls stagniert; selbst wenn die Rentabilität höher ist, wächst der Umsatz nicht schnell genug und die Erholung am Arbeitsmarkt funktioniert nicht.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel könnte den Schlüssel für das Schicksal Griechenlands in der Hand haben, sagt Subran. „Ein Zahlungsausfall Griechenlands wird immer wahrscheinlicher, aber ich glaube nicht für eine Sekunde an ein Ausscheiden Griechenlands, weil keiner die Verantwortung dafür oder das Vermächtnis davon übernehmen will, erklärt er.

Die Umfrage unter 1280 Bloomberg-Kunden wurde von Selzer & Co. aus Moines (Iowa) durchgeführt. Sie hat eine Fehlermarge von plus oder minus 2,7 Prozentpunkten.

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