Märkte bewegen Aktien, Zinsen, Politik. Und Menschen. Deshalb präsentieren wir dir hier die bedeutendsten Analysen und Thesen von Top-Ökonomen - gebündelt und übersichtlich. Führende Volkswirte und Unternehmensstrategen gehen den wichtigen wirtschaftlichen Entwicklungen clever und zuweilen kontrovers auf den Grund.
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Kapitalmarktstratege Heiko Böhmer
Diese Faktoren beeinflussen 2024 die Börse
Der erste Monat des neuen Börsenjahres ist schon wieder vorbei. Viele Indizes wie der S&P 500 haben gleich zu Jahresbeginn neue Rekordstände erreicht und die Magnificent-Seven-Aktien bestimmen weiter das Geschehen. Wird also 2024 einfach nur eine Fortsetzung des äußerst erfolgreichen Börsenjahres 2023, wo wir Indexzuwächse von 20 Prozent beim Dax und bis zu 45 Prozent beim Nasdaq Comerposite gesehen haben?
Fallende Inflation trifft auf ein schwaches Wachstum bei sinkenden Zinsen
Das grundlegende Szenario für 2024 ist aus unserer Sicht doch einigermaßen klar: Eine fallende Inflation trifft auf ein schwaches Wachstum und auf sinkende Zinsen – ein „soft landing“ . Dabei befinden wir uns im Übergang von der Expansionsphase des Wirtschaftszyklus zur Kontraktionsphase – das geht nicht ohne Stress und negative Überraschungen. Das ist der aktuelle Konsens vieler Marktexperten und der ist mit Blick auf 2024 auch schon eingepreist. Spannend wird es natürlich dann, wenn es anders kommt.
In diesem Umfeld ergeben sich Chancen und Risiken für das Börsenjahr 2024. Mit einem gewissen Grundoptimismus auf die Märkte schauen wir zunächst auf die Chancen.
Das Börsenjahr 2023 ist besser gelaufen als erwartet. Vor allem die weitere Zinsentwicklung ist jetzt von großer Bedeutung. Eine allmähliche Erholung der Wirtschaft – besonders in Europa – ist möglich. Bezogen auf die USA sind jetzt schon erste Zinssenkungen im zweiten Quartal eingepreist. Bis Ende 2024 sollen die Zinsen sogar schon wieder um 125 Basispunkte sinken.
Gut möglich ist es sogar, dass die EZB noch rascher aktiv wird mit den Zinssenkungen. Immerhin haben wir zuletzt rezessive Tendenzen in der Euro-Zone und auch in Deutschland gesehen. Hier stehen die europäischen Währungshüter noch mehr unter Druck, auch wirklich zu liefern. Die Finanzierungsbedingungen zeigen, dass das rezessive Umfeld noch so bleiben könnte.
Allerdings ist es auch möglich, dass wir ein zu schnelles Ansteigen der Konjunktur sehen. Sollte das vor allem in den USA so kommen, wäre auch ein Anstieg des S&P 500-Index auf neue Rekordstände und vielleicht sogar kurzzeitig über die Marke von 5.000 Punkten denkbar. Im Grunde gehen deshalb derzeit die Blicke auf die Entwicklung in den USA.
Das liegt auch an der eher enttäuschenden Entwicklung in China. Hier kann es positive Überraschungen geben – doch China wird wohl auf absehbare Zeit nicht wieder zur dampfenden Konjunkturlokomotive werden, die auf globaler Ebene die Wirtschaft antreiben wird.
Und bezogen auf die Chancen gibt es noch andere Szenarien. Das erscheint aktuell sehr unwahrscheinlich, doch es ist möglich: Es kommt zu einem Frieden in der Ukraine. Daraufhin liefert Putin wieder Öl und Gas an uns. Der anstehende Wiederaufbau in der Ukraine sorgt auch bei uns für einen Boom in der Baubranche, weil etliche Aufträge an die Unterstützerländer der Ukraine gehen.
All das treibt die Börsen massiv an. Und genau hier müssten die Notenbanken aktiv engreifen und das ganze wieder etwas abkühlen. Im Endeffekt müssen die Zinsen dann oben bleiben – oder sogar noch einmal angehoben werden. Wie gesagt: Ein solches Szenario erscheint aktuell als sehr unwahrscheinlich. Doch es ist nicht unmöglich.
Zinsentwicklung: Die Fragezeichen bleiben
2023 hat die Zinsentwicklung überrascht. Noch Anfang des Jahres wurden spätestens für das zweite Halbjahr erste Zinssenkungen erwartet. Nun gehen die Konsensschätzungen von keinen weiteren Erhöhungen mehr aus. Zuletzt lieferte die US-Notenbank Signale für immerhin drei Zinssenkungen 2024. Zudem könnten die Senkungen schneller starten als zuletzt noch erwartet. Das zweite Quartal gilt jetzt bei vielen Experten schon als sehr wahrscheinlich.
Bezogen auf Europa gehen die Meinungen sehr stark auseinander. So hatte EZB-Chefin Christine Lagarde beim Dezember-Treffen noch keine Anhaltspunkte für Zinssenkungen geliefert. Mehr noch: Sie sprach sogar davon, dass „wir gar nicht darüber gesprochen haben“.
Wie dem auch sei: Einige Experten sehen Europa sogar vor den USA bei den Zinssenkungen. Die Masse der Experten hält jedoch Senkungen erst in der zweiten Jahreshälfte für wahrscheinlich und damit erst im Schlepptau der USA.
Bezogen auf die Kapitalmärkte ergibt sich aber ein sehr spannendes Bild: Im Grunde geht es jetzt nur noch um den Zeitpunkt der Senkungen. Der Effekt von Senkungen war in der Vergangenheit oft positiv für den Aktienmarkt. Das ist klar eine Chance für 2024.
Inflationsrisiken auf dem Rückzug
Die große Abwärtsdynamik bei der Inflation im zweiten Halbjahr 2023 kam schon überraschend. Doch aktuell sieht es so aus, als ob dieser Trend im Bereich um 3 Prozent zum Erliegen kommt. Gerade der Sektor Energie hat jedoch nach zuletzt deutlich gesunkenen Preisen wieder das Potenzial, hier die Inflation auf Sicht der nächsten Monate anzutreiben. Die Herausforderung einer höheren Inflation kann also 2024 wiederkommen – und das wäre dann ein Risiko für die Kapitalmärkte.
Viele Risiken bleiben 2024 bestehen
Ohne Frage bleiben 2024 auch viele Risiken an den Märkten bestehen. Das sind natürlich die weiterhin vorhandenen großen geopolitischen Konflikte. Hier ist der Ausgang immer noch offen – obwohl der Ukraine-Krieg jetzt schon annähernd zwei Jahre andauert.
Allerdings hat die Entwicklung der vergangenen zwölf Monate auch gezeigt, dass die direkten negativen Auswirkungen gerade dieses Konfliktes auf die Finanzmärkte nicht besonders groß sind. Im Gegenteil: Aus einer Lösung des Konfliktes könnten sich, wie oben gezeigt, sogar positive Effekte für die Finanzmärkte ableiten lassen.
Ein weiteres Risiko ist das Ausbleiben eines „soft landings“, speziell in den USA. Zwar setzen die meisten Marktexperten auf eine weiche Landung der US-Wirtschaft – deshalb muss es aber nicht wirklich eintreten. Tatsächlich besteht das Risiko, dass die Zinsen zu spät gesenkt werden. Infolge der schwachen Wirtschaftsentwicklung in den USA würden dann wieder schwächere Arbeitsmarktdaten auch für einen Rückgang der Konsumausgaben sorgen.
Somit besteht immer noch das Risiko, dass dann die Wirtschaft wirklich in die Rezession fällt. Hier kommt den US-Konsumenten eine extrem wichtige Rolle zu. Bei der jetzt schon vorhandenen massiven Überschuldung würden Kreditausfälle und ein nachlassender Konsum die US-Wirtschaft nachhaltig belasten.
Und dann wäre es auch noch möglich, dass wir 2024 ein Umfeld schnell sinkender Öl- und Gaspreise erleben. Dann bestünde die Gefahr eines zu starken Konsums und Arbeitsmarktes. Die US-Notenbank wäre aufgrund der massiven wirtschaftlichen Expansion zum Handeln gezwungen. Entweder werden die Zinsen später erst wieder gesenkt oder aber sie müssen sogar noch weiter erhöht werden, um dieses Szenario in Griff zu bekommen.
