Märkte bewegen Aktien, Zinsen, Politik. Und Menschen. Deshalb präsentieren wir dir hier die bedeutendsten Analysen und Thesen von Top-Ökonomen - gebündelt und übersichtlich. Führende Volkswirte und Unternehmensstrategen gehen den wichtigen wirtschaftlichen Entwicklungen clever und zuweilen kontrovers auf den Grund.
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Volkswirt Ulrich Kater
Darum stehen die Börsenampeln auch weiterhin auf Grün
An den Aktienmärkten ist jetzt schon Sommermärchen. Der Dax steigt und steigt. Damit erfüllt er unsere Erwartungen, die bereits seit letztem Sommer aufwärtsgerichtet waren. Nun lautet die Frage einmal mehr: Wie lange geht das noch so weiter?
Dabei geht es weniger um eine Konsolidierung des neu erreichten Kursterritoriums. Eine solche Konsolidierung ist fester Bestandteil von Phasen neuer Höchststände und im jetzigen Fall bereits überfällig. Sie kann kurzfristig auch wieder 10 bis 15 Prozent nach unten führen, bevor die technischen Reaktionen dann abklingen und sich die Höchstkurse von gestern als neue Normalkurse von heute etablieren.
Eine solche Konsolidierung ist einerseits gesund und andererseits sogar notwendig, um das erhöhte Kursniveau zu halten. Eine weitere Voraussetzung besteht darin, dass keine negativen neuen Informationen zum realwirtschaftlichen oder finanzwirtschaftlichen Umfeld auftauchen, die eine Neuinterpretation der Ertragsaussichten notwendig machen.
Die Finanzmarktakteure sind ständig auf der Suche nach dem nächsten Ungleichgewicht, das nach Auflösung ruft. Beruhigend ist, dass die finanziellen Verhältnisse der großen volkswirtschaftlichen Sektoren, also der privaten Haushalte und der Unternehmen, gegenwärtig gesund sind. Belastungen für das Bankensystem aus dieser Richtung sind nicht akut. Das ist dringend nötig, denn mit der unsicheren Wertentwicklung bei Immobilien weist ein großer Sektor gegenwärtig viele Unbekannte auf.
Auch das Thema Inflation ebbt mit den immer niedrigeren Raten nicht etwa ab, sondern bleibt im Fokus der Marktteilnehmer. So begrüßenswert steigende Löhne zur Wiederherstellung der Konsumentenkaufkraft sind, darf die Anpassung nicht zu stürmisch ausfallen. Eine Inflation von 3 Prozent in den Dienstleistungssektoren des Euroraums wie gegenwärtig gemessen, ist auf Dauer nicht kompatibel mit dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von 2 Prozent.
In den USA liegt das gleiche Phänomen vor, mit dem Unterschied, dass die Konjunkturentwicklung dort deutlich kräftiger ist als im Euroraum. Für den Arbeitsmarkt bedeutet dies: Er ist in den USA noch leergefegter als in Europa. Überhitzt die US-Wirtschaft, könnte sich die US-Notenbank Fed sogar zu höheren Leitzinsen genötigt sehen. Dies würde die gemütliche Stimmung an den Börsen ganz bestimmt kippen lassen.
Im nächsten Schritt würde dies verstärkt die Staatsfinanzen in den Mittelpunkt rücken, deren Entwicklung alles andere als gesund verläuft. Im Gegensatz zu den privaten Sektoren der Volkswirtschaft ist die Staatsverschuldung in fast allen Industrieländern auf dem Weg auszuufern. Angesichts der demografischen Entwicklung und der Anspruchshaltung der Gesellschaft an den Staat nach materiellem Ausgleich sind die Perspektiven hier langfristig düster.
Aber dies sind eher die Ungleichgewichte von übermorgen. Sollte insbesondere die Inflationsentwicklung weiterhin im Griff bleiben, stehen die Börsenampeln weiterhin auf Grün, das Sommermärchen kann auch im Winter und im kommenden Jahr noch erzählt werden.
