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Börse im Höhenflug Anleger sollten Gewinne abschöpfen oder Portfolios absichern

Börse New York
Händler in der New Yorker Börse | Foto: Imago Images / UPI Photo

Laut Andre Kostolany bestimmt vor allem die Psychologie das Geschehen an den Finanzmärkten. Derzeit dominiert dort die kognitive Dissonanz. Die Aktienkurse „wollen“ nach oben steigen, komme was will. Da werden Nachrichten, egal wie sie lauten, so interpretiert, dass sie zur Kursrally passen. Nur so lassen sich psychologische Spannungen vermeiden, also die erwähnten kognitiven Dissonanzen. Derzeit machen Kurse Nachrichten und nicht umgekehrt.

 

 

 

Besonders deutlich zeigt sich dies bei den erwarteten Leitzinssenkungen der Fed. Am Jahresanfang waren es die Hoffnungen auf fünf plus/minus eine Zinssenkungen, die die Aktienkurse nach oben trieben. Doch nach und nach wurden die geldpolitischen Lockerungsmaßnahmen ausgepreist, weil sich die Inflation als hartnäckig und die amerikanische Konjunktur als überraschend robust erwiesen.

Kehrtwende bei der Nachrichteninterpretation

Plötzlich hieß es, es sei doch toll, dass sich die US-Wirtschaft so fest entwickelt, weil damit ja auch die Unternehmensgewinne stiegen. Vereinfacht ausgedrückt: weniger Zinssenkungen gleich bessere Quartalsergebnisse. Und die Kurse stiegen weiter. 

Richtig kurios wurde es dann Anfang Mai. Das amerikanische Arbeitsministerium gab bekannt, dass die Anträge auf Arbeitslosenhilfe unerwartet stark von 209.000 auf 231.000 gestiegen seien. Die Prognose der von Reuters befragten Volkswirte lag knapp 20.000 Anträge darunter. Was soll‘s?

Auch diese Nachricht sei positiv zu werten, weil die Fed jetzt doch etwas stärker ihre Geldpolitik lockern könnte, hieß es auf einmal auf dem Börsenparkett. Dass eine Woche später die Zahl der Anträge auf Arbeitslosenhilfe wieder etwas zurückging und ziemlich genau den Erwartungen entsprach, quittierten die Börsianer mit einem Schulterzucken.

Jetzt will man sich als Anleger sicherlich nicht über feste Aktienmärkte beschweren. Aber ein bisschen Demut oder Vorsicht wären schon angebracht. Dafür spricht schon die Saisonalität. Nicht umsonst heißt es: „Sell in May and go away“ – auch wenn das ein wenig abgedroschen klingt. Historische Daten zeigen jedoch, dass die besten Börsenmonate die von November bis April sind. Laut Fidelity hat der S&P 500 seit dem Jahr 1990 in diesem Zeitraum im Durchschnitt um sieben Prozent zugelegt. Von Mai bis einschließlich Oktober stieg die Wall Street dagegen nur um zwei Prozent.

Auch fundamentale Gründe sprechen dafür, dass es in den kommenden Monaten nicht nur nach oben gehen dürfte. Die Bewertung des S&P 500 bewegt sich am oberen Ende seiner historischen Bandbreite, US-Aktien sind teuer. Das macht sie anfällig für Korrekturen. Außerdem kommen jetzt nach dem Ende der Berichtssaison voraussichtlich erst einmal nachrichtenärmere Monate auf die Anleger zu. Den Börsen gehen möglicherweise die positiven News aus. Die Investoren könnten im Sommer ihre rosaroten Brillengläser durch dunklere Tönungen ersetzen.

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So könnten bald die bestehenden Risiken wieder etwas stärker ins Blickfeld rücken. Und von denen gibt es ja eine Reihe, angefangen von den nicht enden wollenden Kriegen in der Ukraine und im Nahen Osten bis hin zu den immer offeneren Provokationen Chinas gegenüber Taiwan. Gleichzeitig droht der Handelskonflikt zwischen den USA und China zu eskalieren, nachdem Washington die Strafzölle unter anderem auf Autoimporte aus Fernost drastisch erhöht hat.

Risiko USA

Für die vielleicht größten Turbulenzen könnten die Vereinigten Staaten sorgen. Der Wahlkampf um die US-Präsidentschaft droht zunehmend für Verunsicherung zu sorgen, wenn sich zeigen sollte, dass in den USA die Demokratie fragil geworden ist. Schließlich dürften sich die Anleger stärker auf die nach oben schießenden Staatsschulden Washingtons fokussieren. Die gute Konjunktur der USA ist teils mit einer überbordenden Staatsverschuldung erkauft worden. 

Gold notiert auch deshalb auf Rekordniveau, weil die Schwellenländer immer weniger bereit sind, dem amerikanischen Staat Anleihen abzukaufen und ihre Devisenreserven von Dollar in das Edelmetall umschichten. Wenn sich der US-Staat aber zu Steuererhöhungen (Joe Biden) oder Ausgabenkürzungen (Donald Trump) gezwungen sieht, könnte das die amerikanische Konjunktur ausbremsen.

Das Gute ist, dass den Anlegern diese Risiken bekannt sind, auch wenn sie ihnen bislang nur wenig Aufmerksamkeit schenken. Aber es schadet sicherlich nicht, über die Sommermonate ein Rebalancing vorzunehmen. Konkret bedeutet dies, bei den Aktien, die in den zurückliegenden Monaten besonders gut gelaufen sind, Gewinne mitzunehmen und die Gewichtungen wieder etwas zurückzufahren. Alternativ können bei der aktuell fast sorglosen Stimmung Portfolioabsicherungen relativ günstig vorgenommen werden.

 


Über den Autor:

Thomas Buckard ist seit dem Jahr 2000 Gründungsmitglied der MPF. Als Vorstandssprecher ist er für die Kundenakquisition und -betreuung sowie die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Die MPF AG gehört mit einem verwalteten Vermögen von mehr als zwei Milliarden Euro zu den größten unabhängigen Vermögensverwaltern in Deutschland. 

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