Börsen 2009: Ein Quantum Trost

Börsen 2009: Ein Quantum Trost

Die USA und Europa befinden sich in einer Rezession, einer schweren womöglich. Viele der wichtigsten Wirtschaftsindikatoren notieren so tief wie nie zuvor; die Angst vor Inflation ist der Angst vor Deflation gewichen. Auch das noch schlimmere D-Wort Depression ist immer häufiger zu hören, Vergleiche mit der Wirtschaftskrise der 30er Jahre haben Konjunktur – wenn auch zu Unrecht. Doch von Wachstum können Europa und die USA derzeit nur träumen. Das Einzige, was kräftig wächst, ist die Staatsverschuldung: Regierungen pumpen Milliarden in ihre Volkswirtschaften, um noch Schlimmeres zu verhindern. Klar ist dennoch, dass sich die Konjunktur trotz aller Anstrengungen frühestens Ende 2009 merklich erholen wird. Das verheißt auf den ersten Blick nichts Gutes für die Aktienmärkte. „Schlimmstenfalls sinken Aktien um weitere 50 Prozent, dann gäbe es aber eine schnelle Gegenbewegung auf den heutigen Stand“, sagt der Schweizer Investmentberater Marc Faber. „Ich halte es aber für wahrscheinlicher, dass das Tief bereits erreicht ist und nun eine Erholung folgt.“ Bewertungen nicht am Tiefpunkt Denn viel von dem, was den Unternehmen noch bevorsteht, ist in den Kursen bereits enthalten. „Die gute Nachricht ist, dass die Aktienmärkte den aktuellen Gewinnschätzungen der Analysten weit voraus sind und eine schwere Gewinnrezession einpreisen“, sagt Bert Jansen, Chefstratege von Exane BNP Paribas. Dennoch warnt er davor, jetzt ein Ende des Bärenmarkts auszurufen: „Die Bewertungen sind zwar zunehmend attraktiv, aber noch ein ganzes Stück von früheren Tiefpunkten entfernt.“ In den USA liegen sie gerade mal auf dem langfristigen Durchschnittswert seit 1900, wenn man Jansens Berechnungsmethode zugrunde legt. US-Aktien könnten durchaus noch 20 Prozent nachgeben, folgert der Stratege. Aktien aus Schwellenländern dagegen sind nach allen gängigen Bewertungsmethoden günstig wie lange nicht und bieten langfristig orientierten Anlegern eine seltene Chance. Zwar leiden auch Schwellenländer unter dem globalen Abschwung. Doch sie werden weiter wachsen. 90 Prozent des globalen Wachstums werden allein die Bric-Länder Brasilien, Russland, Indien und China 2009 liefern, heißt es im neuesten Report von Goldman Sachs. Das heißt aber nicht, dass sich ihre Aktienmärkte bereits Anfang 2009 erholen. Noch scheuen Anleger alles, was nur irgendwie mit Risiko verbunden scheint. Das zeigt sich auch an den Anleihemärkten: Hochwertige Unternehmensanleihen waren Mitte Oktober so günstig wie zuletzt 1925 und sind heute kaum teurer: Offensichtlich haben Rentenanleger eine noch weit schlimmere Krise vorweggenommen als ihre Kollegen aus den Aktienteams. Risikoreichere hochverzinste Unternehmensanleihen bringen aktuell einen Zinsertrag, der mehr als 16 Prozentpunkte über dem von Staatsanleihen liegt – erst vor anderthalb Jahren hatte dieser Risikoaufschlag ein Allzeittief von gerade 2,4 Prozentpunkten erreicht. „Die aktuellen Aufschläge sagen Kreditausfälle in einer Höhe voraus, die es zuletzt während der großen Depression gegeben hat“, sagt Kenneth Emery, Chefanalyst für Unternehmenspleiten bei der Rating-Agentur Moody’s. Ein Teil dieser Bewegung ist zwar dadurch bedingt, dass die Märkte wenig liquide sind und Investoren sich gleichwohl massenweise von den Risikopapieren trennen wollen. Doch gerade bei den qualitativ besseren Anleihen spielt die Markterwartung der Renten-Analysten eine wesentliche Rolle für den jüngsten Kursverfall. Renten-Rally oder Aktiencrash Behalten die Rentenanleger recht, wird es tatsächlich weitere Verluste am Aktienmarkt geben; kommt es nicht ganz so schlimm, steht Unternehmensanleihen früher oder später eine Rally bevor. Die Unsicherheit, so viel ist klar, wird mindestens noch die ersten Monate des neuen Jahres dominieren. Schlechte Nachrichten werden den Märkten weiterhin zu schaffen machen. Und solange Angst und Verunsicherung regieren, werden Staatsanleihen als sicherer Hafen gefragt bleiben. Eine schwache Konjunktur und nachlassende Inflation sind regelmäßig Treiber für die Rentenmärkte. Hinzu kommen vermutlich weitere Zinssenkungen der Notenbanken, die vor allem Kurzläufern weiteren Auftrieb bringen. Langfristig laufende Papiere dagegen werden auf mittlere Sicht unter dem steigenden Angebot leiden: Die Konjunkturprogramme in den USA und Europa zwingen die Staaten, eine Flut neuer Anleihen auszugeben. „Langfristig werden die Anleiherenditen nur dann niedrig bleiben, wenn die USRegierung ihre ausufernde Neuverschuldung wieder senkt“, warnt daher Commerzbank-Rentenanalyst Christoph Balz.

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