Bullen-Werbefigur Foto: IMAGO / Rupert Oberhäuser

Investmentchef von Edmond de Rothschild AM

Börsen haben noch Luft nach oben

Benjamin Melman, globaler Investment-Chef von Edmond de Rothschild Asset Management

Unser Investmentansatz ist seit dem 9. November 2020, als Pfizer den ersten Impfstoff gegen Covid-19 ankündigte, unverändert. Seither haben sich zwar wertorientierte und konjunkturabhängige Sektoren stark erholt. Insgesamt betrachtet war die Entwicklung jedoch bescheiden, wenn man die Intensität des Einbruchs im vergangenen Jahr bedenkt.

Bei Unternehmensanleihen beobachten wir eine ähnliche Entwicklung: Trotz deutlich niedrigerer Ausfallquoten als befürchtet und der aufkommenden wirtschaftlichen Erholung, sind die Risikoaufschläge zwischen Investment-Grade- und Hochzinsanleihen nach wie vor hoch, auch wenn der Überfluss an Liquidität alle Aufschläge verringert hat. Zwar investieren Anleger in riskante Assets, aber dennoch konzentrieren sie sich weiterhin auf defensive Segmente. Für uns steht daher fest: Es besteht das Potenzial, weiter von der Erholung zu profitieren. Anleger sollten riskante Anlagen bevorzugen.

Nicht gegen die Fed kämpfen

Die aktuellen Marktbewertungen sind nicht zu optimistisch. Ein Risiko sehen wir vielmehr bei der Politik der Zentralbanken, die eine massive Monetarisierung eingeleitet haben. Die letztendliche Rückabwicklung dieser expansiven Geldpolitik könnte sich als schwierig erweisen, denn Anleger sind nach wie vor bestrebt, in riskante Anlagen zu investieren. Je früher die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) Details zum Zurückfahren der expansiven Geldpolitik bekannt gibt, desto leichter wird es für die Märkte sein, diese Veränderung zu verarbeiten. Während Anleger auf eine Änderung der Geldpolitik warten, sollten sie diese jedoch nicht bekämpfen.

Insgesamt ist die Wirtschaft überraschend widerstandsfähig. Die ersten Berichte zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) der USA im vierten Quartal des vergangenen Jahres enthalten ungewöhnliche Informationen: Die Unternehmensinvestitionen gingen demnach in der Corona Krise nur um 1,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück. Zum Vergleich: Ein Jahr nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers lag der Rückgang bei 10,3 Prozent. Diese gute Wertentwicklung liegt nicht nur an steigenden Tech-Investitionen.

Denn in den Industrieländern insgesamt sind die Unternehmensgründungen im Jahr 2020 stark angestiegen. Deswegen sind wir optimistisch, denn diese Dynamik der Wirtschaft könnte bei einer Normalisierung der Lage zu weiteren positiven Überraschungen führen.

Investitionen in Schwellenländern steigen

Angesichts der erwarteten Markterholung, während der ein gewisses Maß an Spannungen bei den langfristigen Zinssätzen anhalten könnte, reduzieren wir unsere Gewichtung in Staats- und Investment-Grade-Unternehmensanleihen. Investitionen in Wandelanleihen stocken wir allerdings auf, um insgesamt die Konvexität in den Portfolios zu erhöhen. Zudem haben wir den Anteil an Hochzinsanleihen reduziert, da wir das Risiko für die Portfolios nicht erhöhen wollen.

Anleger, die im Jahr 2020 in Schwellenländeraktien und -anleihen untergewichtet waren, kehren zu diesen Anlagen zurück. Anlagen aus Schwellenmärkten profitieren von einigen gut vorhersehbaren Faktoren wie der hervorragenden Entwicklung der chinesischen Wirtschaft, Transparenz seitens der Fed über die Fortsetzung ihrer Geldpolitik, die für die Neubewertung von Schwellenmarktanlagen günstig ist, dem Abschlag auf vergleichbare Anlagen in Industrieländern und einer möglichen Entspannung der geopolitischen Lage unter der neuen US-Regierung. Deshalb gewichten wir Anlagen aus Schwellenländern seit einigen Monaten über – und wollen diesen Kurs beibehalten.

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