Börsen nach Rekordjahr Mächtig aufgeblasen
Auch weite Teile des Rentenmarkts sind schon betroffen. Die Summe der Staatspapiere mit einer negativen Rendite ist auf weltweit mehr als 13 Billionen Euro gestiegen, wie die Deutsche Bank berechnet hat. Der Handelsplattform Tradeweb zufolge stellen bereits über 40 Prozent der europäischen Unternehmensanleihen mit solider Bewertung ein Verlustgeschäft für Anleger dar, Tendenz steigend. „Wir müssen uns alle an die niedrigen Zinsen gewöhnen. Sie sind kein Phänomen, das Anleger aussitzen können“, erwartet Ulrich Stephan, Chefanlagestratege der Deutschen Bank.
In den nächsten drei Jahren werde in der Eurozone wohl keine Leitzinserhöhung erfolgen. „Für Anleger, die Euroanleihen kaufen und halten wollen, sind das schlechte Nachrichten“, so Stephan. Besser seien die Aussichten für Anleihen etwa aus China: Wer Währungsrisiken toleriere, könne auf dem mittlerweile zweitgrößten Rentenmarkt der Welt mit Zinsen von bis zu 4 Prozent rechnen. Hinzu komme, dass mit steigenden US-Zinsen, die Schwellenländerwährungen unter Druck setzen könnten, für lang laufende Anleihen kaum zu rechnen sei.
Die Niedrigzinsen unterstützten die Wirtschaft, begründet EZB-Vizepräsident Luis de Guindos das Vorgehen seiner Behörde, die daraus resultierende höhere Risikobereitschaft der Anleger könne aber die Finanzstabilität gefährden: „Die Nebenwirkungen der Geldpolitik werden immer offensichtlicher, das müssen wir berücksichtigen.“ Da institutionelle Investoren wie Investmentfonds, große Vermögensverwalter und Versicherer auch in der derzeitigen Zinswüste Geld für ihre Kunden verdienen müssten, könnten sie übermäßig hohe Risiken eingehen, befürchtet der Spanier.
Bernhard Matthes, bei der Bank für Kirche und Caritas für das Portfoliomanagement zuständig, reicht den Schwarzen Peter empört zurück: „Es mutet wie Realsatire an. Mit ihrem Rausch des billigen Geldes hat die EZB überhaupt erst die Notwendigkeit geschaffen, dass Asset Manager Risiken in Kauf nehmen, die sie unter normalen Umständen meiden würden.“ Es sei vollkommen normal, dass Marktteilnehmer, denen der risikofreie Zins genommen wurde, nach Möglichkeiten Ausschau hielten, trotz des von der EZB geschaffenen Zinsnotstands Renditen zu erwirtschaften.
Kaum rosiger sieht es der EZB zufolge bei Europas Banken aus. Deren Profitabilität sei niedrig und werde weiter sinken. Als Schuldigen nennt die EZB hausgemachte Ursachen wie eine mangelnde Kosteneffizienz, räumt aber ein, dass die Niedrigzinsen Banken hart treffen, die vom Zinsgeschäft leben. Bei drei Vierteln liegt die Eigenkapitalrendite bereits unter 8 Prozent.
Zum Vergleich: Unter ihrem früheren Chef Josef Ackermann strebte die Deutsche Bank noch 25 Prozent an. Damit nicht genug, erwartet die EZB weitere Rückgänge in den kommenden zwei Jahren, schwächere Institute müssen demnach mit etwa 3 Prozent auskommen. Mit ihrer Einschätzung steht die Zentralbank nicht allein da, die Rating-Agentur Moody's hat ihren Ausblick für Deutschlands Geldhäuser im November auf negativ gesenkt.
