Börsen nach Rekordjahr Mächtig aufgeblasen
In anderen Branchen erscheint die Lage kaum besser. Deutschland schrammte im Herbst nur hauchdünn an einer Rezession vorbei. Und die Aussichten sind nicht gerade ungetrübt. Schließlich steht mit der Automobilbranche Deutschlands wichtigste Industrie vor einem gigantischen Strukturwandel Richtung Elektromobilität. Und der sollte auch noch möglichst rasch geschehen, wie die jüngsten Zahlen von Continental klar machen.
Der einzige Automobilzulieferer im Dax musste im dritten Quartal 2019 einen Verlust von 2 Milliarden Euro verkraften. Auch 2020 rechnen die Hannoveraner nicht mit einer anziehenden Autokonjunktur. „Im besten Fall sehen wir weltweit eine Seitwärtsentwicklung“, so Finanzvorstand Wolfgang Schäfer. Ein Rückgang sei keineswegs ausgeschlossen. Laut einer Studie des Ifo-Instituts steht allein in Bayern eine sechsstellige Zahl von Arbeitsplätzen bei Zulieferern und Herstellern auf der Kippe. Hinzu kommt, dass mit China der größte Kfz-Absatzmarkt ein paar Gänge zurückschaltet. Im Oktober lagen die Verkäufe 6 Prozent niedriger als im Vorjahresmonat. In den ersten zehn Monaten verließen 2019 insgesamt 16,9 Millionen Autos die Verkaufsräume im Reich der Mitte, 11 Prozent weniger als im Jahr zuvor.
Vor diesem Hintergrund wird auch der Medienrummel klar, den Elon Musk in Deutschland erzeugt. Als er im November in Berlin einen Preis für seine Tesla-Elektroautos entgegennimmt und anschließend noch eine kleine Botschaft an die versammelten Gäste und Medienvertreter richten will, muss er schmunzeln. Was kommt, ist eine Sensation: Tesla will seine nächste Riesenfabrik im beschaulichen Brandenburg bauen. In der sogenannten Gigafactory Europe sollen dem Selfmade-Milliardär zufolge 10.000 Arbeitsplätze entstehen. Die meisten Lacher sammelt Musk ein, als er erwähnt, dass der Bauplatz gleich neben der Flughafen-Katastrophe BER liege. Sein Kommentar: „Wir sollten definitiv schneller fertig werden.“
Ein Angriff auf den Heimatmarkt eines internationalen Wettbewerbers ist ein Klassiker in mikroökonomischen Lehrbüchern. Früher hätten jedoch viele Musk angesichts der Stärke der deutschen Autobranche dafür belächelt. Nach seinem Berliner Auftritt indes finden sich Begriffe wie „Demütigung“ in nicht wenigen Kommentaren, die den Schritt als weiteren Abgesang auf die deutsche Vorzeigeindustrie einschätzen.
Tatsächlich dürfte die stark exportabhängige Wirtschaft hierzulande 2019 nur um 0,5 Prozent gewachsen sein, sagt Stefan Schneider, Chefvolkswirt für Deutschland bei der Deutschen Bank. „Vor allem die Rezession in der Industrie dämpft das Wachstum in Deutschland“, so der Analyst. Von einer stabilen Konjunktur in den USA und China könne Deutschland 2020 daher überproportional profitieren: „Ich rechne hierzulande mit einem moderaten Wachstum von knapp einem Prozent“, so Schneider. Für die Eurozone erwartet er ein etwas kleineres Plus von 0,8 Prozent, weil die stimulierende Wirkung der expansiven EZB-Geldpolitik nachlasse: „Als Konjunkturstabilisator stößt die Geldpolitik zunehmend an ihre Grenzen.“
