Börsenblatt Eyb & Wallwitz Europa und die Emerging Markets sind Konflikt-Opfer

Georg Graf von Wallwitz, Geschäftsführer bei Eyb & Wallwitz: „Aktionäre sind noch für eine längere Weile gut beraten, ihr Pulver trocken zu halten.“ | © Eyb & Wallwitz

Georg Graf von Wallwitz, Geschäftsführer bei Eyb & Wallwitz: „Aktionäre sind noch für eine längere Weile gut beraten, ihr Pulver trocken zu halten.“ Foto: Eyb & Wallwitz

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Der Handelsstreit zwischen den USA und China hat sich in den letzten Monaten verschärft. Die gute Entwicklung an den Aktienmärkten hat das Selbstvertrauen der Konfliktparteien gestärkt. Hinzu kam, dass sowohl in den USA als auch in China die außenpolitischen Falken ihrer jeweiligen Regierung vorwarfen, zu weich gewesen zu sein bei den Verhandlungen. Die Präsidenten Xi und Trump sind nicht die Typen, die einen solchen Vorwurf auf sich sitzen lassen. Warum also, so fragte man sich in Peking, sollen wir überhaupt eine Vereinbarung unterschreiben, in der nur wir Zugeständnisse machen? Ist dies nicht genau das, was wir schon im 19. Jahrhundert erlebt haben, als uns die Kolonialmächte in ungewollte Verträge gezwungen haben? Hatte China sich nicht geschworen, das Jahrhundert der Demütigungen endgültig hinter sich zu lassen? Also fühlten sich die Chinesen bei der Ehre gepackt und beschlossen, viele der Zugeständnisse, die sie bereits gemacht hatten, wieder zurückzunehmen. Und die Amerikaner, die sich seit einigen Jahren ebenfalls als Opfer der Weltordnung sahen, nahmen dies zum Anlass, zurückzuschlagen, wo es wirklich weh tut und die chinesische Technologie- und Telekommunikationsfirma Huawei in den Würgegriff zu nehmen.

Rivalität um Welt-Vorherrschaft

Die Auseinandersetzung hat so in einer neuen Eskalationsstufe jene politisch/militärische Qualität bekommen, wie sie die Leser des Thukydides nicht überraschen konnte - wir haben diese Dynamik im Börsenblatt vom Juli 2018 ausführlich beschrieben. Wirtschaftliche Überlegungen spielen keine sehr große Rolle mehr. Daher ist es eher unwahrscheinlich, dass in absehbarer Zeit eine Lösung für diesen Konflikt gefunden werden wird. Die USA und China sehen einander als Rivalen um die Vorherrschaft in der Welt an – und werden einander auch so behandeln. In dieser Situation – der Internationale Währungsfonds (IWF) nennt sie „delikat“ – wird es unweigerlich auch Opfer geben.

Die USA können dieser Auseinandersetzung auf wirtschaftlicher Ebene recht gelassen entgegensehen. Der Anteil des Exports an ihrer Wirtschaftsleistung liegt lediglich bei 12 Prozent, während er für China bei 20 Prozent liegt und in Deutschland bei 47 Prozent, in der Schweiz sogar bei 65 Prozent. Den USA schaden Zölle also weit weniger als den offenen Handelsnationen. Und die amerikanische Zentralbank ist heute in der Lage, im Fall eines durch einen Handelskrieg ausgelösten Abschwungs mit Zinssenkungen dagegenzuhalten.

Unklarheit über Konflikt-Ausmaß

Larry Summers hat in der Washington Post auf dem Bierdeckel nachgerechnet, wie wenig die USA von einem Handelskrieg mit China zu befürchten haben. Als China am 13. Mai Zölle auf Importe aus den USA im Wert von 60 Milliarden Dollar erhoben und die Amerikaner entsprechend höhere Gegenmaßnahmen in den Raum stellten, fielen die US-Börsen um 2,4 Prozent; ein Wertverlust von 700 Milliarden Dollar. Dabei belief sich die Höhe der Zölle nur auf maximal 10 Milliarden Dollar. Gewiss wird sich einiges von diesem Geld in höheren Importpreisen niederschlagen. Einiges wird aber auch gar nicht gezahlt werden, denn Güter wie Erdgas lassen sich leicht aus anderen Ländern beziehen. Darüber hinaus erhöhen Zölle zunächst einmal die Gewinne der einheimischen Firmen, da ihre Güter nun attraktiver sind als die der ausländischen Konkurrenz. Wie man es dreht und wendet, der Vermögensverlust an den Aktienmärkten steht in keiner vernünftigen Beziehung zu den tatsächlichen wirtschaftlichen Auswirkungen. Allenfalls lässt sich die Reaktion der Börsen damit erklären, dass der Handelskrieg auf Jahre hin die globalen Handelsströme hemmen wird. Aber wie sicher können wir uns sein, dass es wirklich so weit kommt?

China kann auf wirtschaftlicher Ebene nicht viel gegen die USA unternehmen. Zu viel exportieren die Chinesen in die USA und zu wenig importieren sie von dort. Welche anderen Möglichkeiten gibt es? Mit den US-Staatsanleihen, die China hält, wird das Land nicht spielen wollen, denn damit würde es seine finanzielle Glaubwürdigkeit einbüßen. Es ist eines der großen Ziele Chinas, eine Ankerfunktion in der Weltwirtschaft zu übernehmen und den Yuan als Reservewährung zu etablieren. Aus diesem Grund ist der Yuan bislang in diesem Konflikt bemerkenswert stabil geblieben. Ein anderes Druckmittel könnte sein, dass China bei den „seltenen Erden“, die für den Bau von Hochtechnologieprodukten unerlässlich sind, den Hahn zudreht – 80 Prozent dieser Rohstoffe werden in China gefördert. In diesem Fall würde es aber allenfalls zwei Jahre dauern bis in Australien und den USA eine hinreichende Förderkapazität entsteht. Seltene Erden sind im Grunde nicht sehr selten. Sie kommen sogar in Deutschland vor. China ist nicht der globale Lieferant dieser Elemente, weil es sie nur in China gibt, sondern weil es so schmutzig ist, sie zu fördern und kaum ein anderes Land sich diesen Wirtschaftszweig antun will.