Börsenblatt Eyb & Wallwitz Markt-Timing ist für junge Männer und Spekulanten

Georg Graf von Wallwitz, Geschäftsführer bei Eyb & Wallwitz: „Das aktuelle Marktumfeld eignet sich nicht für große Wetten“. | © Eyb & Wallwitz

Georg Graf von Wallwitz, Geschäftsführer bei Eyb & Wallwitz: „Das aktuelle Marktumfeld eignet sich nicht für große Wetten“. Foto: Eyb & Wallwitz

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An der Börse hängt alles von Entscheidungen ab. Jeder Investor muss einen Investmentprozess haben, mit welchem er Entscheidungen so weit wie möglich rational zu unterlegen versucht. Wir analysieren Bilanzen, Geschäftsberichte und Geschäftsmodelle. Wir wägen die Perspektiven und den bisherigen Geschäftsverlauf, schätzen zukünftige Gewinne ab und legen erprobte Wertmaßstäbe an. Aber Investment-Entscheidungen erschöpfen sich nicht in der Analyse von Zahlen, denn das einzig Gewisse sind die Kurse von gestern und vorgestern. Der Blick in die Zukunft hängt von früheren Überzeugungen ab und ist von unvollständigen Informationen und Missverständnissen getrübt. Entscheidungen sind also bestenfalls auf gut fundierten Wahrscheinlichkeitsüberlegungen gegründet.

Es sind gerade die großen Entscheidungen, die sich oft rational nicht nachvollziehen lassen. Sie werden ohne hinreichende Daten gefällt, sind nicht das Ergebnis eines Algorithmus, sondern basieren einzig auf einer Theorie oder einem Gefühl. Die kleinen Entscheidungen, die einen überschaubaren Zeithorizont und eine begrenzte Auswirkung haben, lassen sich erheblich leichter rational fassen und begründen.

Was tun, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern?

Was für eine Armee das Terrain ist, das sind für den Investor die sich ändernden wirtschaftlichen Umstände. Was eben noch gut begründet war, hält in wenigen Wochen oder Monaten der Realität vielleicht nicht mehr stand. Als General Motors (GM) 2007 seinen Geschäftsbericht veröffentlichte, wies die Bilanz eine Cash-Position von 25 Milliarden Dollar auf und das Unternehmen feierte sich zum 76sten Mal in Folge als den größten Automobilhersteller der Welt. 18 Monate später meldete GM Insolvenz an.

Das eine sind die wirtschaftlichen Realitäten, welche sich sehr schnell ändern können. Das andere ist die Sicht des Marktes auf die Fakten. Denn welche Zahl wie aufgenommen wird, hat im Wesentlichen mit Erwartungen und nicht viel mit den Zahlen zu tun. Wie er eine bestimmte Neuigkeit aufnimmt, hat viel damit zu tun, in welcher Verfassung der Markt ist und welche Erwartungen er hegt. In der laufenden Berichtssaison hat Apple schlecht berichtet und Amazon gut. Die Aktie von Apple ist gestiegen und die von Amazon gefallen – die Erwartungen waren eben andere.