Börsenexperte Robert Halver Die EU-Kuh ist nur vorerst vom Eis

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Dazu gehört mittlerweile leider auch Amerika unter Trump. Es war einmal die transatlantische Liebesbeziehung, es war einmal die DAF, die deutsch-amerikanische Freundschaft.

Überhaupt, den finanzstarken Ländern der EU kann der wirtschaftliche Zusammenbruch des Südens nicht egal sein.

Viele Italiener, Franzosen und Spanier fühlen sich bereits als Europas Verlierer. Erhalten sie vom wohlhabenden Euro-Norden in der Corona-Krise keine Hilfe, haben EU-feindliche Populisten leichtes Spiel. Je einflussreicher sie werden, umso gefährdeter sind die Segnungen des gemeinsamen Binnenmarkts.

Übrigens sollte man eine einmal in Gang gesetzte politische Eigendynamik nie unterschätzen. Am Beispiel Großbritannien sieht man, dass es durchaus zu einem EU-Austritt kommen kann, selbst wenn dieser jeder geostrategischen und ökonomischen Vernunft widerspricht. Der ehemalige britische Premier David Cameron hatte doch nie wirklich vor, sein Land aus der EU zu führen.   

Nicht zuletzt beeinträchtigen wirtschaftlich schwache Absatzmärkte im Süden auch die Exportnationen Deutschland und die Niederlande massiv.  
…aber Solidarität ist keine Einbahnstraße
Apropos Niederlande, seinem Ministerpräsidenten Mark Rutte und den „sparsamen vier“ im Allgemeinen ist ein gewisses Maß an Profilierungssucht sicher nicht abzusprechen. Ihre Rolle als stabilitätsgerechte Davids gegen die stabilitätslosen Goliaths kommt bei der jeweiligen heimischen Bevölkerung gut an.

Dennoch sind ihre Einwände ernst zu nehmen. Keine Leistung ohne Gegenleistung. Geldgeschenke der Geberländer stehen den Nehmerländern nicht als Taschengeld zur freien Verfügung. Sie müssen für konsequente Strukturreformen eingesetzt werden, damit sich z.B. in Italien und Spanien nachhaltige Wirtschaftsperspektiven auch am Arbeitsmarkt entwickeln.

Wird das passieren? Ich habe Zweifel. Bereits vor Corona wurden die dramatischen Zinserleichterungen und die Geld-Geschenke der EZB nicht beherzt für die Kernsanierung der teilweise maroden Infrastruktur eingesetzt. Tatsächlich haben viele EU-Staaten regelrecht Angst vor Reformen, die den Bürgern über schmerzliche Einschnitte in das Arbeitsrecht und bei der Rentenversicherung so manche Annehmlichkeit wegnimmt. Wer will schon abgewählt werden? 

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