Werbung für die US-Elektroautofirma Lucid in New York Foto: IMAGO Images / Levine-Roberts

Ostrum-Marktstratege über Spacs

Boom der leeren Börsenmäntel ist „irrational“

Axel Botte 
Bild: Ostrum AM

Geld sucht sich immer seinen Weg. Und wenn dank der monetären Expansion immer mehr Geld nach Wegen suchen muss, ist es zum „irrationalen Überschwang“, um den Nobelpreisträger Professor Robert Shiller zu zitieren, nicht mehr weit. Den Boom der sogenannten Spacs (Special Purpose Acquisition Companies), deren Zweck darin besteht, an die Börse zu gehen, von Anlegern Geld einzusammeln und mit diesem Geld in ein nicht börsennotiertes Unternehmen zu investieren, halten wir für ein Paradebeispiel überschwänglicher Märkte. Auch wenn sie wohl zu klein sind, um ein signifikantes Risiko für die Finanzstabilität darzustellen, fallen Spacs zumindest unter die Rubrik der Torheiten am Finanzmarkt.

Mit 40 Milliarden US-Dollar beziehungsweise 18 Milliarden US-Dollar gehören die Spac-Fusionen von Grab und Lucid zu den Top-10-M&A-Deals im laufenden Jahr. Fast 600 Spacs haben nach den Daten von Spac Research seit Anfang 2020 in den USA fast 180 Milliarden US-Dollar eingesammelt. Allein im laufenden Jahr haben sie Unternehmen für mehr als 220 Milliarden US-Dollar eingekauft und so an die Börse geführt.

Fast 80 Prozent aller aktiven Spacs sind allerdings noch auf der Suche nach einem Zielunternehmen. Die ungenutzten Barmittel, die in Treuhandfonds gehalten werden, belaufen sich auf 140 Milliarden US-Dollar. Auch in Deutschland ist der Boom aus den USA angekommen. Mit der „468 SPAC I SE“ wird in Frankfurt in diesem Jahr bereits die zweite Mantelgesellschaft an die Börse gehen.

Soweit die Zahlen. Man könnte sich nun darüber freuen, dass über diese neue Art der Finanzierung Jungunternehmen schnell an Kapital für ihre Expansion kommen und Investoren mit kleinem Budget, Anteile an bisher nicht börsennotierten Unternehmen erwerben können. Doch so einfach ist es nicht – zumindest nicht für die Investoren.

Prominente werben für Spacs

Grundproblem ist, dass Spacs eine klassische „Principal-Agent“-Beziehung verkörpern. Die Investoren (Principals) verfügen beim Kauf der Anteile nur über unvollständige Informationen, was die Fähigkeiten und die Interessensgleichheit der Manager (Agenten) betrifft. Dies hat vielfältige Auswirkungen.

Auf den ersten Blick fällt auf, dass Spacs in der Regel mit prominenten Gründern werben. Oft sind es ehemalige Wirtschaftskapitäne aus den anvisierten Branchen, die das Vertrauen der Investoren gewinnen sollen. Noch vor kurzem konnten sogar US-Prominente aus der zweiten Reihe des Sports oder der Verlagswelt, die bisher nichts mit Finanzen am Hut hatten, erfolgreich als Gründer neuer Spacs auftreten.

Die Ziel-Geschäftsfelder konzentrierten sich auf die beliebten Themen wie Roboterautos, Ladesäulen, Elektrolastwagen und Flugtaxis. Die aktuelle Welle, auf der viele junge Unternehmen reiten, bietet ein gutes Terrain für M&A-Aktivitäten.

Wird bei Spacs zu viel bezahlt?

Gleichzeitig sind dies aber auch die Bereiche, in denen viel Phantasie die Preise treibt. Schon jetzt haben Spacs, die Tech-Firmen kauften, oft mehr als das Zehnfache des Umsatzes gezahlt, während abseits der Börse strategische Investoren deutlich weniger zahlen. Spacs treten in Bieterwettbewerben in Konkurrenz zu erfahrenen Venture-Capital- und Private-Equity-Investoren. Die Not, gute Anlageobjekte zu finden, führt zu einer Übertreibung. Wenn ein Spac trotz dieses Gedrängels den Zuschlag erhält, liegt der Verdacht nahe, dass er zu viel bezahlt.

Doch Spac-Sponsoren haben immer einen Anreiz, ein Geschäft zu machen, weil sich nach einer angekündigten Fusion mit dem Zielunternehmen die Spac-Aktien vom Nettoinventarwert ihres Barbestandes entfernen und die Gewinnaussichten des neuen Unternehmens widerspiegeln. Sie selbst haben aber den Kapitalanteil am Börsenmantel in der Regel mit einem tiefen Rabatt gezeichnet. So kann es durchaus sein, dass Manager lieber zu viel für ein Unternehmen bezahlen, als das Investmentvehikel zu liquidieren.

Spacs werden in der Regel zu einem Preis von 10 US-Dollar pro Anteil ausgegeben. Theoretisch sollten die Aktien mindestens 10 US-Dollar plus Zinsen wert sein. Doch Ende März 2021 gab es Berichten zufolge 300 Spacs, die zu einem Preis gehandelt wurden, der unter dem bei ihrem Börsengang einge­nommenen Geld lag. Der durchschnittliche Abschlag lag bei 1,22 Prozent, und der Marktwert aller Spac-Anteile, die unter ihrem Anfangspreis gehandelt wurden, belief sich am Ende des ersten Quartals auf 81,4 Milliarden US-Dollar. Wäre es also für Investoren nicht interessant, offensichtlich unterbewertete Spac-Aktien zu kaufen?

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