Boris Jurczyk

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Boris Jurczyk über Aktienfonds: „Risikovermeidung ist oberstes Gebot“

DAS INVESTMENT: 2010 entwickelte sich die Finanz- und Wirtschaftskrise immer mehr zur Euro-Schuldenkrise. Zu diesem Zeitpunkt haben Sie den Berenberg European Equity Selection, einen europäischen Aktienfonds, auf den Markt gebracht. Was war das Ziel?
Boris Jurczyk:
Wir wollten mit dem Fonds ein Konzept umsetzen, mit dem wir vor allem passiv orientierte Anleger davon überzeugen können, dass aktives Management wirklich einen Mehrwert bringen kann. Anleger wollen keine starken Einbrüche von 40 Prozent oder mehr. Die Reduzierung von Risiken steht deshalb für uns im Vordergrund.

Dazu setzen Sie die Cash-Quote ein?
Jurczyk:
Nein, der Fonds ist ein stets voll investierter reiner Aktienfonds. Ganz klassisch, wie es ihn heute nur noch selten gibt. Wertpapierleihen und der Einsatz von Derivaten sind ausgeschlossen. Unser Ansatz ist rein quantitativ. Ich bin für das Modell zuständig, greife aber nicht mehr in die Auswahl der Aktien ein. Das Konzept ist sehr einfach, leicht verständlich und transparent. Wir handeln ganz diszipliniert nur zu einem Stichtag alle drei Wochen und gewichten alle Aktien gleich. Die Auswahl erfolgt anhand von sechs Kriterien.

Welche sind das?
Jurczyk:
Gewinnrevisionen, relative Performance, die Lage zum gleitenden Durchschnitt, das langfristige Gewinnwachstum zum Kurs-Gewinn-Verhältnis und unsere beiden Risikokennziffern, die den Fonds prägen. Das ist zum einen der Bear-Markt-Faktor. Er misst, wie stark die Aktie fällt, wenn der Gesamtmarkt fällt.

Er zeigt also das Beta in fallenden Phasen. Wenn hier eine bestimmte Grenze überschritten wird, ist das ein Ausschlusskriterium. Egal, wie gut die restlichen Faktoren sind, hat die Aktie keine Chance, ins Portfolio zu kommen. Zum anderen überprüfen wir, wie stark der Aktienkurs auf negative Unternehmensnachrichten reagiert.

Diese Kriterien wenden Sie auf alle europäischen Aktien an?
Jurczyk:
Beim Fonds umfasst unser Universum zurzeit 99 Unternehmen aus dem Euroraum. In der Regel filtert das Modell ein Fünftel bis ein Drittel der Indextitel für den Fonds heraus. Das Portfolio ist daher sehr konzentriert, zurzeit enthält es 28 Aktien. Üblicherweise kommen diese aus den defensiven Branchen, wie Gesundheit oder Nahrungsmittel.

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Hat das Modell auch mal nicht so gut funktioniert?
Jurczyk:
Bei Fukushima. Versorger waren damals sehr prominent in unserem Portfolio. Die sind mit nach unten gerauscht. Jedes quantitative System hat auch seine Grenzen. Dafür haben wir aber die Erholung wieder voll mitgemacht, sodass der Verlust schnell korrigiert werden konnte.

Trifft das Modell nicht manchmal Entscheidungen, die Sie nervös machen?
Jurczyk:
Ja. Doch muss man sich davon als Quantmanager freimachen. Für mich ist wichtig, dass die Portfoliocharakteristik stimmt. Nicht die Einzeltitel sind entscheidend, es muss eine risikoaverse Struktur vorherrschen. Fallen die Märkte, muss der Fonds weniger stark fallen.

Das hat bisher gut geklappt. Seit Auflage lag der Fonds bis Mitte April rund 20 Prozent im Plus, die Benchmark war bei plus minus null. Diese Outperformance beruht insbesondere auf unserer Risikoaversion. Das Beta liegt bei 0,6 im langjährigen Durchschnitt, die Volatilität bei 15 gegenüber 22 Prozent beim Index.

Wie lange bleiben die Titel im Fonds?
Jurczyk:
Rund 80 Prozent der Aktien sind schon langjährig Bestandteil des Portfolios. Dazu gehören zum Beispiel AB Inbev oder Fresenius. In den restlichen 20 Prozent ist richtig Dynamik drin. Wir spielen auch mal drei Monate lang bestimmte Branchentrends, wenn das Modell die entsprechenden Titel auswählt.

Die Aktienmärkte sind schon ganz gut gelaufen. Warum sollte man jetzt in europäische Aktien investieren?
Jurczyk:
Auch wenn die Unternehmen in Euroland sitzen, haben viele ein Exposure von über 50 Prozent in den Emerging Markets und agieren damit in Wachstumsregionen. Das gilt auch für viele Unternehmen aus unserem Portfolio. Und warum sollte man in Aktien investieren? Weil das Marktumfeld bei anderen Anlageklassen nicht viel hergibt.

Aktien-Anleger schauen daher eher rosigen Zeiten entgegen. Schwierig wird es erst, wenn die Notenbanken ihre lockere Geldpolitik wirklich beenden. Das wird für Unruhe sorgen. Bis dahin wird die Liquidität den Weg an die Aktienmärkte finden.

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Über den Interviewten: Boris Jurczyk (40), CFA, ist seit Januar 2009 beim Bankhaus Berenberg in der Vermögensverwaltung tätig und verantwortet den Bereich quantitative Aktienselektion. Er ist auf die Konzeption und Umsetzung quantitativer Aktienstrategien spezialisiert. Jurczyk managt die beiden Fonds Berenberg European Equity Selection und Berenberg Emerging Markets Equity Selection.

Zuvor arbeitete er im Financial Engineering und Handel der WGZ Bank. Der Diplom-Kaufmann absolvierte berufsbegleitend im Jahr 2006 das Studium MA of Banking and Finance mit der Spezialisierung Investment Banking an der Business School of Finance and Management, Frankfurt.

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