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Globale Anleihen- und Aktienmärkte

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Einwohner von Recife protestieren gegen eine mangelhafte Wasserversorgung Foto: imago images / Fotoarena
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Gute Wirtschaftslage und niedrige Zinsen

Brasiliens Aktien locken einheimische und globale Anleger

Als neuntgrößte Volkswirtschaft der Welt mit einem nominalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 1,84 Billionen US-Dollar (Weltbank, Stand: 2019) ist Brasilien das einflussreichste Land Südamerikas. Die durch die Pandemie verursachte Unsicherheit und ein starker Einbruch der Inlandsnachfrage haben der brasilianischen Wirtschaft zugesetzt. Im Vergleich zur gesamten Region hat sich das Land dank üppiger Konjunkturmaßnahmen jedoch vergleichsweise gut gehalten. Marktbeobachter gehen davon aus, dass das brasilianische BIP 2020 um 4,5 Prozent geschrumpft ist, doch für 2021 und 2022 prognostiziert der Internationale Währungsfonds in seinem Weltwirtschaftsausblick vom Januar 2021 ein Wachstum um 3,6 beziehungsweise 2,6 Prozent.

Gustavo Stenzel, Investmentstratege Lateinamerika
bei Franklin Templeton Emerging Markets Equity

Anleger stellen Kapital für Investitionen bereit

Anlegern bieten sich angesichts der guten Wachstumsaussichten attraktive, bislang übersehene Chancen. Jahrzehntelang bewegten sich die Zinssätze in Brasilien im zweistelligen Bereich – noch unlängst, zwischen 2015 und 2016, lagen sie bei etwa 14 Prozent. In den vergangenen Jahren sind die Zinsen jedoch gesunken; der brasilianische Leitzins liegt aktuell bei 2 Prozent. Das renditearme Umfeld veranlasst brasilianische Anleger, alternative Möglichkeiten für die Erzielung von Renditen jenseits des traditionellen Anleihemarkts auszuloten. Deshalb wenden sich lokale Anleger zunehmend anderen Anlageklassen wie Aktien zu. Der Effekt: Die Zahl der Privatanleger in Brasilien ist im Jahr 2020 auf 3,2 Millionen gestiegen, kalkuliert Brasiliens Börse B3.

Die Zahl könnte weiter zunehmen: Unternehmen sind sich des Einflusses von ESG-Themen auf ihre Bilanzen, Renditen und strategischen Optionen immer stärker bewusst und erschließen sich dadurch neue Anlegerkreise, die diese Fragen in immer höherem Maß berücksichtigen. Wir gehen davon aus, dass dieser Trend sich 2021 und darüber hinaus stützend auf den brasilianischen Markt auswirkt.

Claus Born, Produktspezialist
Franklin Templeton Emerging Markets Equity

Das demografische Profil des durchschnittlichen brasilianischen Anlegers wandelt sich ebenfalls. Mittlerweile sind auch jüngere, weniger wohlhabende Anleger an den Aktienmärkten aktiv. Der Durchschnittsanleger ist heute ein 32-jähriger Mann mit mittlerem Einkommen. Ein Großteil der Privatanleger am Aktienmarkt sind Männer; ihr Anteil liegt bei 74 Prozent. Anlegerinnen erreichen im Aktiengeschäft nur einen Anteil von 26 Prozent, bringen es im brasilianischen Staatsanleiheprogramm Tesouro Direto aber auf 40 Prozent.

Durch technologische Fortschritte bei Fintech-Unternehmen sind für Alltagsanleger Hürden gefallen, sodass sich auch dadurch der Zugang zu Aktien ausgeweitet hat. In der hart umkämpften brasilianischen Brokerage-Landschaft berechnen einige Firmen deutlich reduzierte oder gar keine Gebühren mehr, was die klassischen Banken auf Trab hält – sie beeilen sich, ihre digitalen Angebote zu erweitern.

Anlagechancen durch Privatisierungen

Genau wie im Rest der Welt ist Brasiliens Onlinehandel in der Pandemie stark gefragt. Nirgendwo sonst ist die Zahl der Amazon-Prime-Abonnenten so schnell gewachsen wie hier. Das hat dazu geführt, dass im Land mehrere neue Logistikzentren entstanden sind. Weitere führende Einzelhändler in diesem Segment kaufen außerdem Logistikunternehmen auf, um ihre eigenen Kapazitäten zu erweitern und sich die Chancen im Bereich E-Commerce zunutze zu machen. Mit 211 Millionen Einwohnern (Weltbank, Stand: 2019) verfügt Brasilien über eine der größten Verbrauchergruppen der Welt. Es ist davon auszugehen, dass das Wachstum des Onlinehandels die Pandemie überdauern wird.

Auch durch die Privatisierung von Staatsbetrieben in Brasilien entstehen einige äußerst interessante Chancen. Die Regierung bemüht sich, ihre ehrgeizigen Pläne rasch umzusetzen. Um Investitionen anzuziehen und den öffentlichen Sektor zu verkleinern, soll als Auftakt einer Reihe von großen Privatisierungen im kommenden Jahr die brasilianische Post für umgerechnet 2,7 Milliarden US-Dollar in Privatbesitz überführt werden. Die von Brasilien geplanten Privatisierungen könnten dabei nicht nur Geld in die Staatskasse spülen, sondern nicht zuletzt den Weg für Umweltschutzbestrebungen ebnen, da das Land Probleme wie die hohe Abholzungsrate, Waldbrände und Gewässerverschmutzung hinter sich lassen möchte.

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