Glasspiegelung einer Straßenszene in der Londoner Oxford Street Foto: agefotostock

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Brexit – die Uhr tickt

Volker Schmidt
Foto: Ethenea

Auch wenn davon noch nicht viel zu spüren ist: Im Januar dieses Jahres trat das Austrittsabkommen zwischen der Europäischen Union und Großbritannien in Kraft. Aktuell befindet sich das Vereinigte Königreich zwar aufgrund der einjährigen Übergangsfrist noch in einer Art Schwebezustand, aber spätestens am 31. Dezember soll endgültig Schluss sein und Großbritannien den Europäischen Wirtschaftsraum verlassen – mit oder ohne Deal.

Als größte Streitpunkte gelten weiterhin die Fischereirechte sowie eine Vereinbarung über faire Wettbewerbsregeln, ein sogenanntes „Level Playing Field“. Dieses würde britischen Unternehmen nahezu uneingeschränkten Zugang zum EU-Binnenmarkt gewähren. Dafür verlangt Brüssel auf der anderen Seite aber, dass sich Großbritannien an die „Null Dumping“-Regel hält, also dass es beispielsweise nicht die Subventionen für heimische Unternehmen hochfährt oder Umwelt- und Sozialstandards herabsetzt und dadurch heimischen Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil verschafft. London sieht dadurch aber die eigene Souveränität gefährdet und will keinesfalls ein Abkommen unter solchen Wettbewerbsbedingungen unterzeichnen. Uneinig ist man sich auch darüber, wie und in welchem Umfang Verstöße gegen das Abkommen bestraft werden sollen.

Doch welche Auswirkungen hat der Brexit auf das Pfund Sterling und auf britische Staatsanleihen? Wie so oft lohnt auch hier ein Blick in die Vergangenheit, um Tendenzen für etwaige zukünftige Kursentwicklungen ableiten zu können. Das britische Pfund hat im Anschluss an das Brexit-Referendum schlagartig an Wert verloren und konnte seitdem auch nicht mehr an die alten Kursniveaus anknüpfen. Angesichts des wieder leicht wachsenden Optimismus, dass doch noch ein Vertrag zwischen den beiden Parteien zustande kommen könnte, hat das Pfund zuletzt wieder etwas Boden gutmachen können und notiert aktuell bei knapp über 1,10 Euro. Von einer Erholung auf Vor-Brexit-Niveau kann allerdings nicht die Rede sein und die erscheint für die absehbare Zukunft auch nicht realistisch. Dasselbe gilt für britische Staatsanleihen, allerdings unter umgekehrten Vorzeichen – auch hier erwarten wir, dass die Renditen vorerst auf einem niedrigen Niveau verharren werden.

Pfund-Sterling-Kurs in Euro seit Januar 2016

Quelle: Bloomberg Finance LP

Für diese beiden Erwartungen spricht zum einen, dass die britische Wirtschaft im Zuge des Doppelschocks aus Brexit und Corona-Pandemie besonders schwer getroffen wurde. Ein Anstieg der Arbeitslosenzahlen, Umsatzrückgänge und Stellenabbau, insbesondere im Einzelhandel und im Unterhaltungssektor, ließen das Bruttoinlandsprodukt im Vereinigten Königreich so stark zurückgehen wie in sonst keinem anderen großen Industrieland. Hinzu kommt, dass das Vereinigte Königreich deutlich abhängiger von den Handelsbeziehungen mit der EU ist als umgekehrt. Während rund die Hälfte der britischen Importe und Exporte von Waren und Dienstleistungen mit der EU ausgetauscht werden, ist die Handelsbilanz der EU deutlich diversifizierter.

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