DAS INVESTMENT: Frau Vassalou, BRICS+ – die Gruppe der Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, erweitert u.a. um Ägypten, Äthiopien, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate – wird in Ihrer jüngsten Studie als möglicher „System-Disruptor“ des Westens bezeichnet. Was genau verleiht dieser Staatengruppe so viel Einfluss?
Maria Vassalou: BRICS+ vereint mittlerweile rund die Hälfte der Weltbevölkerung, einige der ressourcenreichsten Staaten der Welt und verfügt über eine junge, dynamische Demografie. Allein das durchschnittliche Wirtschaftswachstum der BRICS+-Länder wird in den kommenden Jahren mit rund 3,8 Prozent mehr als doppelt so hoch erwartet wie jenes der G7/EU. Die geopolitischen Hebel – Energie, Rohstoffe, maritime Routen, aber auch militärische Kapazitäten – sind massiv. China etwa kontrolliert 60 Prozent der bekannten Vorkommen Seltener Erden und verarbeitet über 90 Prozent. Diese Dominanz in kritischen Rohstoffen verschafft BRICS+ strategischen Einfluss – gerade mit Blick auf den Übergang zu grüner Technologie, für die einige dieser Rohstoffe essenziell sind.
Trotzdem gibt es innerhalb des Bündnisses erhebliche politische Spannungen, etwa zwischen Indien und China. Wie stabil ist BRICS+ wirklich?
Vassalou: Das ist ein zentraler Punkt. Es gibt tiefgreifende territoriale und ideologische Differenzen – zwischen Demokratien und Autokratien, aber auch zwischen regionalen Rivalen wie Iran und Saudi-Arabien. Solche Spannungen führen viele westliche Beobachter zu der Annahme, dass BRICS+ keine Zukunft habe. Aber die Geschichte anderer Bündnisse – etwa der EU – zeigt, dass funktionale Kooperation auch in einem heterogenen Umfeld gelingen kann. Die gemeinsame Motivation, die Dominanz westlicher Institutionen zu relativieren und strategische Autonomie zu gewinnen, ist stärker als viele Unterschiede.
In der Studie des Pictet Research Institute beschreiben Sie die Reaktion des Westens auf den Aufstieg von BRICS+. Wie bewerten Sie die Gegenmaßnahmen?
Vassalou: Die westliche Antwort war bislang fragmentiert und oft kontraproduktiv. Sanktionen gegen Russland oder Exportbeschränkungen gegen China haben dazu geführt, dass der Handel innerhalb des BRICS+-Blocks stark zugenommen hat. Diese Substitution hat das Bündnis sogar gestärkt. Zugleich sehen wir, dass sich BRICS+ in Zahlungsverkehr und Kapitalströmen zunehmend unabhängig vom Westen macht – etwa durch alternative Zahlungssysteme und multilaterale Entwicklungsbanken wie die New Development Bank (NDB). Was dem Bündnis allerdings noch fehlt, ist eine eigene Referenzwährung. Ohne die bleibt eine echte monetäre Unabhängigkeit vorerst Illusion.
„BRICS+ ist nicht einfach ein geopolitischer Nebenschauplatz – es ist eine Reaktion auf strukturelle Schwächen des Westens.“ – Maria Vassalou, PhD, Leiterin Pictet Research Institute
Kommen wir zu den Implikationen für Anleger. Was bedeutet der Aufstieg von BRICS+ für die Portfolioallokation?
Vassalou: Wir erleben gerade eine tektonische Verschiebung. Die traditionellen Kategorien – „entwickelte“ vs. „aufstrebende“ Märkte – verlieren an Aussagekraft. Stattdessen rückt die thematische Allokation in den Vordergrund: Technologie, Energie, Ressourcen, Produktivität. Diese Treiber sind heute global verteilt – China dominiert KI und Halbleiterproduktion, Brasilien und Russland Energie, Südafrika Seltene Erden. Gleichzeitig nimmt die Fragmentierung der Weltwirtschaft zu. Das bedeutet: geringere Liquidität, höhere Volatilität und potenziell auch strukturell höhere Inflation. Für Anleger heißt das: mehr aktive Allokation, mehr Fokus auf private Märkte und weniger pauschale Indexnachbildung.
Wie sollten Investoren demmach künftig vorgehen?
Vassalou: Indem sie sich vom klassischen Regionaldenken lösen und stattdessen auf Zukunftsthemen fokussieren – unabhängig davon, ob diese in einem G7- oder BRICS+-Land angesiedelt sind. Ein thematischer Multi-Asset-Ansatz, der sowohl öffentliche als auch private Märkte einbezieht, ist unerlässlich. Zudem wird die Fähigkeit, geopolitische Entwicklungen frühzeitig zu antizipieren, zum zentralen Erfolgsfaktor im Asset Management. Passive Strategien allein werden in einer fragmentierten Welt nicht mehr ausreichen.
Ihr abschließendes Fazit?
Vassalou: BRICS+ ist nicht einfach ein geopolitischer Nebenschauplatz – es ist eine Reaktion auf strukturelle Schwächen des Westens. Wer die Welt weiterhin aus einer rein westlichen Sicht betrachtet, wird die relevanten Investmentchancen der nächsten Dekade verpassen.
Die Studie „BRICS+ and Contested Global Leadership“ (März 2025) von Maria Vassalou und Chris Alden, PhD, London School of Economics, können Sie hier herunterladen.
Zur Person
Dr. Maria Vassalou ist Leiterin des Research-Instituts der Pictet Group. Die ausgewiesene Finanzexpertin verfügt über langjährige Erfahrung im institutionellen Asset Management sowie in der strategischen Kapitalmarktanalyse. Bevor sie zu Pictet wechselte, war sie Co-Chief Investment Officer für Multi-Asset-Lösungen bei Goldman Sachs Asset Management. Weitere bedeutende Stationen ihrer Karriere umfassen Führungs- und Investmentfunktionen bei Soros Fund Management, SAC Capital Advisors, Perella Weinberg Partners sowie eine Tätigkeit bei McKinsey & Company.
Vassalou promovierte in Financial Economics an der renommierten London Business School. Ihre Forschung und Praxis vereinen akademische Strenge mit praktischer Umsetzungskompetenz – an der Schnittstelle zwischen Makroökonomie, Finanzmärkten und strategischem Portfoliomanagement.

