Carmignac-Experte im Interview „Eine toxische und gefährliche Kombination“

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Wie haben die Finanzmärkte sich unter diesen Herausforderungen positioniert?

Jean Médecin: Zwei Hauptsorgen haben wir in Bezug auf die Finanzmärkte. Zum einen haben die Unternehmen ihre Margen angezogen. Aber es gibt eine Asymmetrie: Die Unternehmen konzentrieren sich auf Gewinnwachstum, indem sie Kosten senken. Sie haben aber ihre Umsätze nicht gesteigert. Man kann die Reichen nicht reicher machen, indem man die Armen ärmer macht. Die Unternehmen können nicht endlos länger Kosten drücken, aber die Löhne nicht anheben. Dann hat man auch keine Konsumenten mehr, die durch steigende Kaufkraft das Umsatzwachstum fördern können.

Allerdings können Unternehmen auf diese Weise vorankommen in Zeiten, in denen es eine schlechte Art von Inflation gibt. Die Produzentenpreisentwicklung geht derzeit in den negativen Bereich. Der Grund dafür ist das Überangebot am Markt ¬- auch die Konkurrenz durch China. Es ist also für die Unternehmen schwierig, die Preise anzuheben. Aber auch Löhne weiter abzusenken wird schwierig.

Und Ihre zweite Sorge?

Jean Médecin: Unsere zweite Sorge ist, dass die Aktienmärkte während der letzten Jahre extrem durch Financial Engineering und die Eingriffe der Zentralbanken aufgebläht wurden. Der Gewinn pro Aktien ist in den letzten vier Jahren beim S&P 500 um 6 – 7 Prozent pro Jahr angestiegen. Aber 2 – 2,5 Prozent davon kamen durch Aktienrückkäufe zustande. Die zugrundeliegende proportionale Performance lag eher bei 4,2. Das heißt also:  2,5 Prozent des vermeintlichen Gewinnwachstums wurden durch Financial Engineering hervorgerufen. Und obendrein haben wir die massiven Qantitative-Easing-Programme, die bewirken, dass sich die Preise aller Anlageklassen aufblähen. Im S&P 500 sind die Preise in den letzten vier Jahren mehr als 10 Prozent jährlich angestiegen.

Wohin geht Ihrer Meinung nach die Entwicklung?

Jean Médecin: Wir haben eine Asymmetrie zwischen dem Preis von Finanzanlageklassen, den Renditen der Unternehmen und der zugrundeliegenden proportionalen Performance dieser Unternehmen. Das kann sich nicht ewig so fortsetzen. Deswegen glauben wir, dass die Finanzmärkte verwundbar sind.


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