Taiwan und Südkorea machen inzwischen rund die Hälfte des MSCI Emerging Markets Index aus, nachdem sich die Aktienkurse von Unternehmen wie SK Hynix und Samsung Electronics im bisherigen Jahresverlauf 2026 jeweils mehr als verdoppelt haben1. Die starke Konzentration dieser Entwicklung wirft zwangsläufig die Frage auf: Ist dieser Trade inzwischen zu überlaufen?

Naomi Waistell, Fondsmanagerin

Naomi Waistell, Co-Fondsmanagerin des Carmignac Portfolio Emergents, besuchte kürzlich die Technologiekonferenz Computex in Taiwan, auf der Jensen Huang, CEO von NVIDIA, die Keynote hielt. Sie beobachtete einen deutlichen Unterschied in der Stimmung zwischen asiatischen und europäischen Investoren. „In Asien herrscht die Einstellung: Egal, was passiert – einfach kaufen“, sagte sie. „Europäische Investoren sind etwas vorsichtiger.“

Diese Vorsicht hat eine rationale Grundlage. Die Speichermärkte haben solche Zyklen bereits erlebt: Hohe Investitionen der Hersteller führen zu einem Überangebot, die Nachfrage bleibt hinter den Erwartungen zurück, Preise fallen deutlich und Aktienkurse folgen. Die Sorge besteht darin, dass die aktuelle KI-Begeisterung eine Wiederholung eines Zyklus auslösen könnte, der Anleger in der Vergangenheit bereits mehrfach überrascht hat.

KI-Ausbau: Eine Reihe von Engpässen, kein einzelner Investmenttrend

Waistell widerspricht dieser Einschätzung jedoch: „Dieses Mal ist es anders. KI ist nicht nur ein einzelnes Thema. Alles, was notwendig ist, um die gesamte KI-Infrastruktur aufzubauen, ist knapp. Selbst wenn es bei Speicherchips zu einem Überangebot kommt, werden anschließend mehr Kühllösungen benötigt, weil mit steigender Rechenleistung und immer mehr Rechenzentren auch der Kühlbedarf wächst.“

Die Argumentation der Fondsmanagerin : Der KI-Ausbau wird nicht durch einen einzigen Engpass begrenzt, sondern durch eine Abfolge verschiedener Engpässe. Sobald eine Einschränkung gelöst wird, entsteht die nächste an einer anderen Stelle der Infrastruktur.

Zunächst geraten Kühlsysteme an ihre Kapazitätsgrenzen, danach folgen die Energieversorgung, die benötigten Verbindungstechnologien und schließlich die Fertigung und Verpackung von Halbleitern. Die Investitionschancen verlagern sich damit entlang der gesamten Wertschöpfungskette – sie verschwinden nicht, sobald ein einzelner Bereich die steigende Nachfrage bedienen kann.

Zwei strukturelle Faktoren sprechen zudem dafür, auch Unternehmen zu halten, deren Aktien bereits stark gestiegen sind. Der erste Faktor ist die Bewertung: „Wenn man sich die zugrunde liegenden Unternehmenszahlen anschaut, wächst der Gewinn dieser Unternehmen um mehr als 200 Prozent“2, sagte Waistell. „Die Kurse sind stark gestiegen, aber sie sind im gleichen Tempo wie die Gewinne gewachsen. Deshalb sind die Bewertungen weiterhin angemessen.“

Der zweite Faktor ist die Art der Vereinbarungen, die diese Gewinne untermauern. „Zum ersten Mal in ihrer Geschichte schließen diese Unternehmen langfristige Verträge ab. Das ist positiv, weil dadurch eine bessere Planbarkeit entsteht“, erklärte sie.

SK Hynix und Nvidia haben gemeinsam eine Investitionsvereinbarung getroffen, bei der Hynix-Chips exklusiv für Nvidias KI-Hardware gefertigt werden. Diese vertragliche Sicherheit fehlte in früheren Speicherchip-Zyklen und verändert das Risikoprofil dieser Investments deutlich.

Kapital entlang der KI-Wertschöpfungskette neu verteilen

Nahezu die Hälfte – 45 Prozent3 – des Carmignac Portfolio Emergents ist in das Thema KI-Infrastruktur investiert. Trotz ihrer starken Kursentwicklung werden viele dieser Unternehmen weiterhin attraktiv bewertet. SK Hynix beispielsweise wird sowohl auf Basis des Kurs-Gewinn-Verhältnisses (KGV) als auch des Verhältnisses von Unternehmenswert zu EBITDA mit einem deutlichen Abschlag gegenüber dem US-Wettbewerber Micron Technology gehandelt.

Was Waistell als die „Magnificent Three“ der Emerging Markets bezeichnet – TSMC, SK Hynix und Samsung – ist das Pendant zu den „Magnificent Seven“, die die US-Aktienmärkte dominieren. Diese drei Unternehmen machen ungefähr die Hälfte des Technologie-Engagements des Fonds aus. Der verbleibende Anteil der Technologie- und KI-Investments liegt in weniger beachteten Bereichen der Wertschöpfungskette: Flüssigkühlungssysteme, Hardware für unterbrechungsfreie Stromversorgung, Co-Packaged Optics sowie Halbleiter-Packaging. Angesichts dieser Konzentration sind Diversifikation und aktives Management des Technologie- und KI-Engagements entscheidend. „In unserem Fonds konzentrieren wir uns auf die nächsten Engpässe im KI-Ausbau – dort, wo Knappheiten entstehen – und passen unsere Investments entsprechend an“, sagte Waistell. „Wir investieren nicht ausschließlich über ein einzelnes Thema oder nur über einen Speicherchip-Hersteller in KI.“

Ein Investment, das sich mehr als verdoppelt hat, erfordert einen klaren Blick darauf, wann gehandelt werden sollte. „Während des gesamten Anstiegs haben wir Positionen in einigen dieser Unternehmen reduziert und erhebliche Gewinne realisiert“, so Waistell. „Wir schichten dieses Kapital in andere Bereiche der Wertschöpfungskette um, in denen weitere Investitionen für den Ausbau benötigt werden – oder auch in andere Regionen.“

In der Praxis bedeutete dies unter anderem, die Position in SK Hynix nach der starken Kurssteigerung zu reduzieren und Kapital in Unternehmen wie Halbleiterausrüster in ganz Asien umzuschichten.

Der Fonds hat zudem verstärkt chinesische Unternehmen aufgenommen, da dieser Markt im Jahresverlauf bislang zurückblieb und Waistell sowie Co-Fondsmanager Xavier Hovasse dort selektive Chancen sehen. „Es geht um Balance“, unterstreicht Waistell. „48 Prozent entfallen auf den KI-Ausbau, aber dieser Bereich ist sehr diversifiziert – über Taiwan, Korea und China hinweg. Wir achten sehr genau auf Positionsgrößen, Gewinnmitnahmen und Bewertungen. Wir suchen nach Aktien, deren Preis nicht ihrem tatsächlichen Wert entspricht. Wir haben eine breite Aufstellung, investieren aber gezielt dort, wo wir Fehlbewertungen sehen. Wir sind überzeugt, dass wir auf diese Weise Alpha im Portfolio erzielen können.“

Emerging Markets: Die neue Geografie der Innovation

Die nicht KI-bezogenen Investments sorgen für zusätzliche Balance im Portfolio. So verbindet CATL, der weltweit größte Hersteller von Batterien für Elektrofahrzeuge und führender Anbieter von Energiespeicherlösungen sowie eine der größten Positionen des Fonds, die Themen Energiesicherheit und Energiewende. Dieses Investmentthema baut der Fonds auf, seit der Konflikt im Nahen Osten die Investitionen in erneuerbare Energien und Speicherinfrastruktur beschleunigt hat.

In Lateinamerika hält der Fonds brasilianische Versorgungsunternehmen mit langfristigen staatlichen Verträgen, die Renditen im Bereich von 10 bis 15 Prozent4 bieten. Diese defensiven, anleihenähnlichen Positionen sollen das Portfolio in einem Umfeld hoher Zinsen in Brasilien stabilisieren.

Mit Blick auf die langfristige Entwicklung geht Waistells Einschätzung über die aktuelle Portfolioausrichtung hinaus: „Das kommende Jahrzehnt wird anders verlaufen als das vergangene. In der letzten Dekade waren die Emerging Markets eher Nachzügler und haben Entwicklungen anderer Märkte nachvollzogen. In der nächsten Innovationsphase werden sie jedoch selbst zu Treibern des Fortschritts. Die Schwellenmärkte sind die neuen Zentren der Innovation.“

Quellen:
1 Quelle: Bloomberg, 15.06.2026
2 Quelle: Bloomberg, Unternehmensdaten Juni 2026
3 Quelle: Carmignac, Stand 31.05.2026
4 Quelle: Bloomberg, Unternehmensdaten 2026

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