Raphaël Gallardo, Carmignac

Die geopolitischen Spannungen nehmen zu, die Staatsschulden explodieren und populistische Kräfte gewinnen weltweit an Einfluss: Die Investmentexperten von Carmignac sehen die Weltwirtschaft vor einem turbulenten Jahr 2025. Besonders der anstehende Machtwechsel in den USA könnte zu massiven Verwerfungen an den Finanzmärkten führen. Gleichzeitig steht Europa vor existenziellen Herausforderungen.

„Wir erleben gerade das Ende einer Ära“, sagt Raphaël Gallardo, Chief Economist, auf einer Investorenkonferenz. „Die vergangenen drei Jahrzehnte waren geprägt von Globalisierung, freien Märkten und niedriger Inflation. Dieses Modell kommt nun an sein Ende.“ An seine Stelle trete eine neue Phase der wirtschaftspolitischen Unsicherheit, in der populistische Versprechen auf die harte Realität der Finanzmärkte treffen werden.

Trump vor schwieriger Mission

Besonders kritisch sieht der Experte die Situation in den USA. Dort stehe Donald Trump vor einem kaum lösbaren Dilemma: Einerseits hat er seinen Wählern massive Steuersenkungen, eine Reindustrialisierung der USA und die Rückgewinnung von Kaufkraft versprochen. Andererseits erbt er eine völlig andere wirtschaftliche Ausgangslage als bei seinem ersten Amtsantritt 2016.

So habe die Inflation in den drei Jahren vor 2016 durchschnittlich bei einem Prozent gelegen – in den vergangenen vier Jahren waren es über 6 Prozent. Auch das Haushaltsdefizit habe sich verdoppelt.

Gleichzeitig seien die Bewertungen an den Märkten deutlich höher. „Trump hat also praktisch keinen Spielraum für seine geplante Politik“, so das ernüchternde Fazit.

Zölle treffen die Falschen

Die bisher angekündigten Maßnahmen der Trump-Administration würden die Probleme eher verschärfen. So plane Trump universelle Importzölle von mindestens 10 Prozent. „Das ist aber eine Steuer, die letztlich vor allem einkommensschwache Haushalte trifft – also genau jene Wähler, die Trump eigentlich unterstützen will“, heißt es vonseiten der Experten. „Die unteren Einkommensschichten zahlen mehr, während die Reichen entlastet werden.“

 

Auch das Versprechen einer Reindustrialisierung dürfte schwer umzusetzen sein. Schon in Trumps erster Amtszeit seien die Investitionen in neue Fabriken trotz massiver Steuersenkungen und Anreize „absolut marginal“ geblieben. Der Investitionsboom unter Biden sei vor allem auf Halbleiter-Fabriken zurückzuführen – und dieser Effekt laufe bereits aus.

Gefährliche Fiskaldynamik

Besonders besorgniserregend: Die USA steuern nach Ansicht von Carmignac auf eine gefährliche Fiskaldynamik zu. „Bereits 2030 werden die Staatseinnahmen komplett von Sozialversicherung, Medicare und anderen Pflichtausgaben plus Zinszahlungen aufgefressen", konstatiert Gallardo.

Zwar habe es in der Geschichte der USA schon höhere Staatsschuldenquoten gegeben, etwa während des Zweiten Weltkriegs. Der entscheidende Unterschied sei aber, dass damals die Realzinsen durch staatlich verordnete Finanzrepression negativ waren. Heute liegen die Realzinsen hingegen bei 2 Prozent.

Existenzielle Krise in Europa

Auch Europa steht nach Ansicht der Carmignac-Experten vor massiven Herausforderungen. Besonders die Situation in Frankreich bereitet ihnen Sorgen. „Frankreich war 30 Jahre lang ein Trittbrettfahrer der Währungsunion und hat nie die fiskalischen Regeln eingehalten“, kritisieren sie.

Besonders problematisch: Anders als die USA, die sich in ihrer eigenen Währung verschulden können, hat Frankreich Schulden in einer „Fremdwährung“ – dem Euro. Das bedeutet, dass jede Anpassung über reale Variablen erfolgen muss, da Frankreich weder die Zinsen noch die Inflation kontrolliert und auch nicht abwerten kann.

Die Situation in Frankreich könnte nach Einschätzung von Carmignac zu einer existenziellen Bedrohung für die Eurozone werden. Wie prekär die Lage ist, zeigt sich auch an den Finanzmärkten. Der Spread französischer Staatsanleihen zu deutschen Bundesanleihen hat sich deutlich ausgeweitet.