Einkaufsstraße in Sao Paulo: Brasilien gilt als eines der Länder, die besonders stark von der Corona-Pandemie gebeutelt sind. | © imago images / Cris Faga Foto: imago images / Cris Faga

Carmignacs Schwellenländerchef kommentiert

„Der Anstieg der Fallzahlen ist ziemlich beunruhigend“

Wie wird die Erholung in den Schwellenländern im Vergleich zu den Industrieländern aussehen?

Xavier Hovasse: Schwellenländeranlagen wurden von dem durch die Corona-Krise bedingten Ausverkauf stark in Mitleidenschaft gezogen und verzeichneten hohe Kapitalverluste, mehr als in allen anderen Krisen der letzten 15 Jahre. Allerdings gab es zwischen den Schwellenländern große Unterschiede im Umgang mit der Krise, und die Form und der Verlauf der Erholung werden je nach der internen Dynamik und den Fundamentaldaten jedes Landes und jeder Region unterschiedlich sein.

China und die asiatischen Länder insgesamt profitierten von der „First in – First out“-Dynamik: Als die Ersten von der Krise betroffenen Regionen scheinen sie diese auch als Erste wieder überstanden zu haben. Zudem scheinen sie die Krise angesichts der niedrigeren offiziellen Sterblichkeitsraten relativ gut überstanden zu haben: bereits vor dem Beginn der Gesundheitskrise wiesen sie bessere makroökonomische Fundamentaldaten auf aufgrund von Leistungsbilanzüberschüssen und damit geringerer Anfälligkeit gegenüber äußeren Einflüssen. Von den Ländern Lateinamerikas und des Nahen Ostens hingegen lässt sich dies jedoch leider nicht feststellen. Denn diese leiden angesichts des erneuten Anstiegs der Infektionszahlen und der noch nicht absehbaren schwerwiegenden wirtschaftlichen und finanziellen Auswirkungen der gegenwärtigen Lockdown-Maßnahmen auf ihre ohnehin eher anfällige, auf Welthandel und Außenfinanzierung angewiesene Wirtschaft immer noch unter der Gesundheitskrise.

Insgesamt glauben wir, dass die aktuelle Krise die bereits davor vorhandenen Tendenzen zu Deflationsdruck, einem langsamen globalem Wachstum und Dispersion der Wirtschaftsleistung zwischen den Ländern verstärkt. Die politische Rebellion gegen die Globalisierung wird wahrscheinlich anhalten. Doch nach unserer Auffassung werden Schwellenländer mit soliden Fundamentaldaten wie beispielsweise China, das von zahlreichen Vorteilen profitiert, insgesamt sogar widerstandsfähiger aus der Krise hervorgehen. Für den Rest der Schwellenländer dürfte der Weg zur Erholung steiniger sein, und der aktuelle Anstieg der Fallzahlen ist ziemlich beunruhigend. Wir beobachten die Situation daher genau.

Wie beurteilen Sie die von den Schwellenländern ergriffenen Maßnahmen, um sich gegen die durch die Pandemie verursachte wirtschaftliche Rezession zur Wehr zu setzen?

Hovasse: Eine bedeutende Anzahl von Schwellenländern ist auf US-Dollar-Liquidität und die Außenfinanzierung durch die US-Notenbank angewiesen. Ein Liquiditätsengpass beim US-Dollar hätte einer Reihe von Schwellenländern große Schwierigkeiten bereitet, doch konnte die Fed die Wahrscheinlichkeit eines solchen Szenarios durch ihre Anfang März bekannt gegebenen US-Dollar-Swap-Vereinbarungen mit den Zentralbanken wichtiger Schwellenländer senken. Dies verschaffte den Regierungen und Zentralbanken der Schwellenländer den notwendigen Handlungsspielraum, um ihren Finanzierungsbedarf kurzfristig zu decken.

Die weiteren Liquiditätsspritzen in Rekordhöhe und die „endlose“ gemäßigte Haltung der Fed helfen den Zentralbanken und Regierungen der Schwellenländer, ihrerseits eine lockere Wirtschafts- und Geldpolitik zu führen, ohne Währungsabwertungen und einen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit befürchten zu müssen. Sehen wir uns andererseits die wirtschafts- und fiskalpolitische Reaktion mehrerer Politiker aus Schwellenländern auf die Krise im Detail an, gibt es trotz der zahlreichen Zinssenkungen und Liquiditätsspritzen große Unterschiede, und wir erleben eine eher verhaltene Reaktion im Vergleich zu den Industrieländern. Im Moment scheinen sie sich mehr auf die Bekämpfung der Pandemie zu konzentrieren, und es macht den Eindruck, als würden sie aufgrund ihrer Sorge über die möglichen Folgen für ihre Zahlungs- und Devisenbilanzen keine großen Anreizmaßnahmen schaffen wollen.

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