Von der Nordsee an die Hamburger Binnenalster, vom Bauernhof an die Spitze eines renommierten Bankhauses: Carsten Mumms Karriere war alles andere als vorgezeichnet. Als DAS INVESTMENT ihn zum Interview trifft, wartet der Chefvolkswirt von Donner & Reuschel bereits am Eingang.
Früher machten ihn Schulreferate nervös, heute hat er einen eigenen Podcast und fast 5.000 LinkedIn-Follower. Wie wurde er mit 42 Jahren zum Chefvolkswirt von Donner & Reuschel? Welche Eigenschaften brauchen junge Talente heute? Und was hat das alles mit einem Callcenter-Job während der Dotcom-Blase zu tun? Darüber spricht Mumm mit sichtlicher Freude.
DAS INVESTMENT: Herr Mumm, Sie starteten Ihre Karriere 1995 bei der Deutschen Bank. Was hat den damals 20-jährigen Carsten bewogen, vom elterlichen Bauernhof in Büsum in die Finanzbranche zu gehen?
Carsten Mumm: Wenn ich das in einem Wort zusammenfassen soll: Zufall! Es war nicht so, dass ich vollkommen sicher war, dass eine Bankkarriere das Richtige für mich ist. Meine Eltern haben mir nicht unbedingt nahegelegt, den Hof zu übernehmen, sondern eher offeriert, mich umzuschauen und andere Dinge auszuprobieren. Da habe ich gedacht, eine Banklehre ist eine gute Grundlage, egal was danach kommt. Dass es Hamburg wurde, hatte pragmatische Gründe: Bei der Deutschen Bank konnte ich die Ausbildung in zwei statt drei Jahren absolvieren.
Nach der Ausbildung waren Sie sich eigentlich recht sicher, dass Banking nicht Ihr Thema ist. Wie kamen Sie dann doch zur Vermögensverwaltung?
Mumm: Nach der Banklehre wollte ich Volkswirtschaftslehre studieren, weil mich fremde Länder und wirtschaftliche Zusammenhänge schon immer interessiert haben. Während des Studiums habe ich zunächst ein Jahr branchenfremd bei einem Reiseanbieter gearbeitet. Dabei habe ich festgestellt, dass Menschen, wenn sie ihren Urlaub buchen, ganz anders auftreten als bei Geldgeschäften. Diese unterschiedlichen Erfahrungen zu sammeln, halte ich für sehr wertvoll, gerade am Anfang der Karriere.
1998 habe ich dann bei einem Call-Center der Haspa angefangen. Das war genau die Phase, als sich die Internet-Blase aufzublasen begann, und wir wickelten einen Großteil der Wertpapierorders ab. In den vier Jahren dort erlebte ich zwei Jahre Blase nach oben und zwei Jahre wieder runter. Das war unglaublich lehrreich und prägend: Ich habe gesehen, wie man an der Börse mit quasi nichts anfangen, bedeutendes Vermögen erwirtschaften und dann wieder bei nichts landen kann.
Sie sind dann 2003 zu Donner & Reuschel gewechselt. Was hat Sie für diese Position qualifiziert?
Mumm: Ende 2002, als ich mein Examen geschrieben und die Diplomarbeit fertiggestellt hatte, begann ich zu suchen.
Da waren Sie 27 Jahre alt.
Mumm: Ja, genau. Ich wollte gerne ins Asset Management, mich mit Börse und Kapitalmärkten beschäftigen und aus persönlichen Gründen in Hamburg bleiben. Da fand ich im Hamburger Abendblatt – damals noch in der Printausgabe – eine Stellenanzeige von Conrad Hinrich Donner (das Bankhaus erwarb 2009 die Münchner Privatbank Reuschel und wurde 2010 zu Donner & Reuschel, Anm.d.Red.), die einen Portfoliomanager suchten. Die volkswirtschaftliche Grundlage aus dem Studium und meine Erfahrung im Wertpapiergeschäft waren die entscheidenden Qualifikationen.
Interessanterweise wurde die Vermögensverwaltung gerade als Team neu gebildet. Mit mir zusammen fing noch ein Kommilitone an, dazu kam jemand aus der Wertpapierberatung der Bank. Wir waren zu dritt plus unserem Chef, der strategisch die Vorgaben machte. Wir haben quasi von der Pike auf eine Struktur und Prozesse aufgesetzt – fast wie ein Startup innerhalb der Bank.
2006 qualifizierten Sie sich zum Chartered Financial Analyst. Wie wichtig war diese Weiterbildung?
Mumm: Den CFA habe ich zusammen mit Daniel Hupfer gemacht, mit dem ich bei Donner & Reuschel angefangen hatte. Er ist heute Leiter Portfoliomanagement bei Warburg, quasi nebenan. Er hatte den CFA vorgeschlagen, ich kannte das ehrlich gesagt nicht wirklich und musste mich erst informieren. Rückblickend bin ich sehr froh darüber. Für mich war der Anreiz, mich von der Masse der BWLer und VWLer, die von den Unis kommen, abzuheben.
Ich kann jedem nur empfehlen, so eine Qualifikation direkt nach der Uni zu machen – aus zwei Gründen: Erstens ist man noch im Lernrhythmus, man kann verlernen zu lernen. Zweitens vermittelt der CFA viel Grundlagenwissen wie Statistik oder VWL-Grundlagen, wo man noch viel aus dem Studium parat hat.
Der Stellenwert hat sich in den 20 Jahren danach stark verändert. Damals gab es sehr wenige Charter und der internationale Charakter hatte eigentlich größere Anerkennung im Ausland als in Deutschland. Heute finden Sie den CFA oder ähnliche Qualifikationen als Voraussetzung oder wünschenswerte Qualifikation in den meisten relevanten Stellenausschreibungen der Branche.
Als Lehrbeauftragter an der International School of Management: Welche Fähigkeiten vermitteln Sie den Studierenden heute, die in Ihrer eigenen Studienzeit noch keine Rolle spielten?
Mumm: Was ich vor allem weitergeben möchte, sind Erkenntnisse, die ich mir in den fast 30 Jahren in der Branche angeeignet habe. Wenn man sich mit Kapitalmärkten auseinandersetzt, braucht man eine gesunde Portion Demut. Ich kenne niemanden, der immer zu hundert Prozent von etwas überzeugt war und dann nur Gewinne erzielt hat.
Bei der Konjunktur- und Kapitalmarktanalyse haben wir immer ein Basisszenario mit der größten Wahrscheinlichkeit, aber auch Nebenszenarien mit gewissen Wahrscheinlichkeiten. Man kann sich nie sicher sein und muss immer alternative Wege mitdenken.
Das Ziel kann nicht sein, hundert Prozent richtige Anlageentscheidungen zu treffen, sondern die Mehrheit der Anlageentscheidungen richtig zu machen und alle Entscheidungen unter Risikogesichtspunkten so auszurichten, dass sie einen nicht ins Verderben führen. Das vermittle ich vor allem über Praxisbeispiele – und davon gibt es reichlich.
Worauf achten Sie in Bewerbungsgesprächen?
Mumm: Der Lebenslauf ist das eine – die sogenannten Hard Facts. Aber es kommt unbedingt auch auf die Soft Skills an. Ich denke, es macht Sinn, offen durch die Gegend zu laufen. Selbstbewusst, keine Frage, das sind die meisten jungen Menschen auch – aber nicht übermäßig von sich selbst eingenommen. Man sollte in der Lage sein, sich selbst zu reflektieren und sich selbst nicht zu ernst zu nehmen, also auch über sich selbst lachen können. Authentizität ist ganz wichtig.
Man sollte auch anerkennen, dass man – selbst mit dem besten Lebenslauf – am Anfang der beruflichen Karriere steht. Praxis ist dann doch etwas anderes als Theorie. Man muss willens sein und auch wissen, dass man viel lernen kann und muss.
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