Dr. Norbert Hagen, Vorstandssprecher der I.C.M. InvestmentBank

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Chancen am Ölmarkt

Raffinerien profitieren massiv vom Überangebot von Rohöl

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Ein Fass Öl der Sorte WTI kostet trotz der jüngsten Erholung heute noch immer gut die Hälfte weniger als Mitte 2014. Die Einkaufskosten der Raffinerien haben sich damit massiv verringert. Daran wird sich auf absehbare Zeit wohl kaum etwas ändern. Denn die Lager sind randvoll. In den USA umfassten die Vorräte im Februar 434,1 Millionen Barrel Rohöl - das war der höchste Stand seit 80 Jahren. Gleichzeitig wird weltweit jeden Tag rund eine Million Barrel Öl oder gut ein Prozent mehr Öl produziert als verbraucht.

Mit einem nennenswerten Abbau des Überangebots ist zumindest kurzfristig kaum zu rechnen. Denn die Fracking- und Ölsand-Produzenten in Nordamerika befinden sich im klassischen „Gefangenendilemma“ aus der Spieltheorie. Zwar sind sich alle einig, dass die Förderung insgesamt sinken muss, um eine Erholung des Ölpreises zu erreichen. Aber niemand will seine Produktion zurückfahren, bevor andere Ölfirmen ebenfalls ihre Förderung reduzieren. Wer sich zuerst bewegt, hat gewissermaßen verloren. Denn wenn die Produktion tatsächlich punktuell gekürzt werden sollte, dürfte sie an anderer Stelle in Erwartung steigender Preise auf dem bestehenden Niveau verharren. Ein gestiegener Preis würde sofort wieder eine Produktionsausweitung nach sich ziehen. Die im Vergleich zur Tiefseeförderung wesentlich flexiblere Fracking-Technologie lastet gewissermaßen wie ein Deckel auf dem Ölpreis.

Preiswerter Einkauf trotz Contango

Zwar kostet Öl auf Termin - also mit Lieferanspruch in einigen Monaten - mehr als am Kassamarkt. Dieser übliche Contango-Effekt spielt für die Raffinerien aber keine Rolle, da sie sich an den Spotmärkten eindecken. Die Analysten vom kanadischen Analysehaus BCA Research erwarten sogar, dass der Preis für WTI-Öl in der Kasse in nächster Zeit noch einmal um zehn bis 20 Prozent fällt.

Gleichzeitig erfreuen sich die Raffinerien fester Verkaufspreise für Heizöl, Benzin und andere Destillate. Denn diese orientieren sich an der Notierung von Brent-Öl, dessen Preis sich spürbar stärker als der der Sorte WTI erholt hat. Zurzeit kostet ein Fass Brent rund zehn Dollar mehr als WTI. Das hängt vor allem mit dem niedrigeren Angebot aus Libyen zusammen, wo die Produktion unter dem Bürgerkrieg leidet. Erst vor wenigen Tagen haben islamistische Terroristen des libyschen IS-Ablegers zwei Ölfelder unter ihre Kontrolle gebracht und ein drittes angegriffen. Zwar erwarten die BCA-Analysten, dass sich aufgrund der zu Ende gehenden Heizsaison auch der Preis für Brent-Öl verbilligen wird. Der Spread, also der Abstand zu WTI, sollte aber weiter bestehen bleiben.

Wartungsarbeiten unterstützen Verkaufspreise

Gleichzeitig ist in den USA aufgrund des Wintereinbruchs die Nachfrage nach Heizöl sprunghaft gestiegen und damit auch die Preise. Im Januar hat sich Heizöl in den Vereinigten Staaten um sage und schreibe 35 Prozent verteuert. Dazu beigetragen hat auch, dass verschiedene Raffinerien an der Ostküste Produktionseinheiten für Wartungsarbeiten heruntergefahren haben.

Die günstigen Konditionen im Einkauf und die guten Verkaufspreise lassen jedenfalls die Gewinne der Raffinerien sprudeln. Die entsprechenden Aktien sind bereits angesprungen. Da wir beim Ölpreis aufgrund der Fracking-Technologie nur begrenztes Preissteigerungs-Potential sehen und damit der Einkauf günstig bleiben dürfte, sollte die Rallye noch einige Zeit lang anhalten. Am aussichtsreichsten sind die Unternehmen, die über keinerlei eigene Förderung verfügen und damit nicht unter dem niedrigen Ölpreis leiden. Dazu zählen vor allem die amerikanischen Raffinerien am Golf von Mexiko, aber auch  solche in Europa. Unter die weitgehend „reinen“ Raffinerien fallen in den USA Valero (WKN  908683) und Marathon Petroleum (A1JEXK), in Europa Tupras (WKN 895925), Hellenic Petroleum (914999) sowie Neste Oil (A0D9U6) und OMV (WKN 874341).

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