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Globale Investmentthemen und Emerging Markets

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Leere Straßen und fast leere Büros in New York Foto: imago images / Levine-Roberts

Value-Aktien aus den USA

„Chancen über Tech und Healthcare hinaus“

Stephen Dover,
Leiter Aktienmärkte bei Franklin Templeton

Stephen Dover: Herr Bowers, wie beurteilen Sie das Ergebnis der US-Wahl mit Blick auf Konjunktur und Kapitalmarkt?

Grant Bowers: Der Demokrat Joe Biden zieht im Januar ins Weiße Haus ein. Im Senat dürften die Republikaner jedoch ihre Mehrheit behalten und der Kongress wird damit geteilt bleiben. Daher gehen wir davon aus, dass das Umfeld in den USA wirtschafts- und unternehmensfreundlich bleiben wird.

Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung im Technologiesektor ein?

Grant Bowers,
Portfoliomanager bei Franklin Templeton

Bowers: Wir setzen weiterhin auf Technologie. Der Übergang in die digitale Welt befindet sich noch ganz am Anfang, wobei der technologische Wandel immer neue Branchen erobert. Die Rolle der Technologie als treibende Kraft der Transformation wird im kommenden Jahrzehnt noch mehr an Bedeutung gewinnen. Das zeigt sich schon jetzt durch verstärkte Arbeit im Homeoffice, weiter zunehmendes Online-Shopping und neue Formen der Kommunikation und Interaktion.

Außerdem sollten wir das geplante US-Infrastrukturgesetz im Auge behalten. Dieses wird vermutlich umfangreiche Investitionen in Technologiebereiche wie Breitbandzugang und 5G-Infrastruktur vorsehen.

Der Technologiesektor wird also weiter wachsen? Glauben Sie, dass Technologieaktien vor diesem Hintergrund noch Value-Titel sind?

Bowers: Wenn man unter Value vergleichsweise günstig bewertet meint, dann wohl nicht. Denn auf den ersten Blick sind Technologieaktien in Relation zum Gesamtmarkt teuer. Betrachtet man aber das langfristige Wachstums- und Innovationspotenzial innerhalb der Branche, scheinen die Aussichten auch aus der Bewertungsperspektive weiterhin sehr ansprechend – zumal viele Unternehmen enorme Cashflows und eine hohe Rentabilität aufweisen. Dazu kommen oftmals steigende Dividenden und Aktienrückkäufe. Zwar gibt es Technologiebereiche, die teuer sind – aber auch günstiger bewertete. Als wachstumsorientierter Investor sehen wir hier durchaus gute Chancen.

Alan Bartlett,
Chef-Investmentstratege bei Franklin Templeton

Alan Bartlett: Entscheidend für uns ist die Zukunft: Wir halten eine Aktie nicht für günstig, nur weil sie aktuell mit einem Abschlag gegenüber dem Markt gehandelt wird. Der Schwerpunkt unserer Analysen liegt stark auf den kommenden Jahren. Wir arbeiten heraus, wer die langfristigen Gewinner sind – und setzen das Ergebnis wieder in Beziehung zum Preis.

Sprechen wir über den Gesundheitssektor. Herr Bowers, wie schätzen Sie diesen ein?

Bowers: Wir bleiben optimistisch, was den Gesundheitssektor betrifft. Die langfristigen Aussichten sind aus verschiedenen Gründen weiterhin gut: Die Bevölkerung wird weltweit immer älter. Gleichzeitig wächst die globale Mittelschicht und mit ihr die Nachfrage nach einer besseren Gesundheitsversorgung. Davon dürften die pharmazeutische Industrie, die Biotech-Branche sowie Medizintechnik-Hersteller und Dienstleister aus dem Healthcare-Bereich langfristig profitieren.

Mit Blick auf den geteilten Kongress ist eines der größten Risiken für den Gesundheitssektor wohl verschwunden: ein „Single-Payer-System“, also eine allgemeine staatliche Krankenversicherung, die von einigen Politikern aus dem Lager der Demokraten thematisiert wurde. Wir sehen daher weiterhin langfristiges Wachstumspotenzial für die Branche – zumal Innovationen die Art und Weise, wie wir leben, und unseren Zugang zur Medizin grundlegend verändern. Dieser wird in Zukunft stärker datenzentriert sein, die Therapien werden genauer und individueller werden. Aus Anlegersicht sehen wir enorme Chancen: Das Gesundheitswesen wird sich zu einem viel stärker digitalen, verbraucherorientierten Geschäft wandeln, um so die zu erwartende gigantische Nachfrage zu bedienen.

Ein weiterer für Value-Investoren interessanter Bereich sind zyklische Aktien. Was halten Sie aktuell von konjunkturabhängigen Titeln?

Bartlett: In der Tat gibt es Chancen über Tech und Healthcare hinaus. Wir sind zwar in Bezug auf die langfristige Entwicklung vorsichtig, haben aber ein beträchtliches Engagement in zyklischen Werten, insbesondere aus der Industrie. Es wird in den USA vermutlich rasch neue fiskalische Anreize geben. Davon dürften konjunktursensitive Werte profitieren. Wir haben daher dort investiert, wo wir interessante Engagements zu vernünftigen Preisen fanden. Statt auf Bank- und Energieaktien setzen wir neben Industriewerten auf Verbrauchsgüter. Das Geld der Regierungen fließt in die Taschen der Menschen und in die Infrastruktur. Deswegen möchten wir dort präsent sein.

Wie denken Sie über den Konsumgütersektor?

Bowers: Ich finde die Branche sehr interessant. In vielerlei Hinsicht ist sie zwar besonders stark von Covid-19 betroffen. Man schaue sich nur die Aktien von Reiseveranstaltern, Hotels und Einzelhändlern an – viele von ihnen haben mit enormen Problemen zu kämpfen. Aber wir sehen beträchtliche Chancen im Konsumgütersektor. Wir glauben, dass einige Titel aus dem Bereich der Reisebranche irgendwann wieder Fahrt aufnehmen werden, da es sich um erfolgreiche Unternehmen mit langfristig starken Wachstumsprofilen handelt. Die Konsumgewohnheiten werden sich ändern, ein Stück weit werden die Verbraucher jedoch zu ihrem früheren Verhalten zurückkehren und auch wieder verreisen.

Dazu kommt: In den USA erlebt der Immobilienmarkt einen enormen Umbruch, da viele Menschen aus den Städten wegziehen. Davon profitieren auch andere Branchen – etwa aus den Bereichen Möbel, Einrichtungsgegenstände oder Haushaltsgeräte. Nicht selten kommt auch noch ein neues Auto dazu. Mit Blick auf das nächste Jahr kommen wir zu dem Schluss, dass der Ausblick für die Verbraucher gut ist. Der Weg dorthin wird jedoch ziemlich holprig sein.

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