Die technische Analyse mag manchen börsenbegeisterten jungen Investoren wie die magische Lösung zur Überwindung der Risiken des Aktienmarktes erscheinen. Dennoch ist sie umstritten. Und das hat durchaus triftige Gründe. Denn bei klassischen Unternehmensaktien und Aktienindizes stößt die Interpretation von Candlesticks, Trendlinien oder Dreifachhochs auf Kursgrafiken gerade aus einem entscheidenden Grund an ihre Grenzen: dem Mangel an Informationen.

Klassische, für die Beschaffenheit der Weltwirtschaft aussagekräftige Indizes wie der S&P 500 oder MSCI World oder auch bedeutende Unternehmensaktien werden seit Jahrzehnten gehandelt und werden über unzählige Handelsplätze gekauft oder verkauft. Durchschnittliche Kaufs- oder Verkaufspreise können bestenfalls geschätzt werden. Zusätzlich können Unternehmensberichte – etwa über Absatzzahlen oder Gewinne und Verluste – jeder Chartanalyse einen Strich durch die Rechnung machen, wenn etwa die Aktie von Apple nach einem enttäuschenden Quartalsbericht einen Satz nach unten macht.

Bitcoin hingegen bietet durch seine inhärente Transparenz eine ungleich höhere Informationsmenge, die jedem Beobachter offensteht, egal ob er Anteile besitzt oder nicht. Mittels des „öffentlichen Hauptbuches“ der Blockchain kann zu jedem Zeitpunkt nachvollzogen werden, welcher Coin wann und zu welchem Preis den Besitzer gewechselt hat – und aus dieser enormen Menge von Daten können Rückschlüsse auf die Interessen der jeweiligen Besitzer geschlossen werden.

Wie man aus den Datenmengen sinnvolle Kennzahlen macht

Eine sinnvolle Kennzahl ist beispielsweise der Realized Price (Realisierter Preis). Er stellt den durchschnittlichen On-Chain-Einstandspreis aller im Umlauf befindlichen Bitcoin dar – also das kollektive „Break-Even“ des gesamten Netzwerks. Am 26. April lag dieser Wert bei etwa 54.143 US-Dollar. Solange der Kurs deutlich über diesem Anker notiert, bleibt die übergeordnete Marktstruktur intakt. Denn: Die meisten Anleger befinden sich immer noch theoretisch im Plus und sehen keinen Grund, ihre Bestände zu verkaufen.

Ein weiteres Instrument sind die gleitenden Durchschnitte (Moving Averages), die im Krypto-Sektor oft als psychologische Unterstützungslinien fungieren, da sie von automatisierten Handelsalgorithmen weltweit als Trigger genutzt werden:

  • Der 200-Wochen-Durchschnitt (aktuell: ~60.189 US-Dollar) gilt historisch als der „ultimative Boden“. Nur in Phasen absoluter Kapitulation fiel der Kurs darunter.
  • Kurzfristigere Indikatoren wie der 50-Tage-Durchschnitt (aktuell: ~71.579 US-Dollar) zeigen uns hingegen das aktuelle Momentum. Dass dieser Wert momentan unter dem aktuellen Kurs liegt, signalisiert einen gesunden Aufwärtstrend.

Zusätzlich hilft der Relative Strength Index (RSI), die Intensität der Kaufbewegung zu messen. Er wird berechnet, indem man das Verhältnis der durchschnittlichen Kursgewinne zu den durchschnittlichen Kursverlusten über einen bestimmten Zeitraum – meist die vergangenen 14 Tage – ermittelt. Ein Wert von etwa 65, wie wir ihn aktuell sehen, deutet auf echten Kaufdruck hin – im Gegensatz zum richtungslosen Hin- und Hergeschiebe des ersten Quartals des aktuellen Jahres.

Was die Analyse verrät: Kampf um die 78.000 US-Dollar

Wie diese Daten in der Praxis zusammenlaufen, zeigt die aktuelle Marktsituation. Experten sprechen derzeit von einem „Regime-Shift“ bei 78.000 US-Dollar. Dies ist keine willkürliche Zahl: Daten aus den Orderbüchern großer Whales (Großinvestoren) zeigen, dass in der Zone zwischen 78.000 und 80.000 US-Dollar massiver Verkaufsdruck gebündelt ist.

Viele Anleger, die in der Vergangenheit zu diesen Preisen gekauft haben, erreichen dort ihre Gewinnschwelle und stoßen ihre Bestände ab. Das macht diese Marke zu einem Widerstand. Ein Ausbruch darüber, gestützt durch das aktuelle Volumen der US-Spot-ETFs (die allein vorletzte Woche über 1,4 Milliarden US-Dollar absorbierten), würde den Weg in Richtung des 200-Tage-Durchschnitts bei etwa 85.000 bis 87.000 US-Dollar ebnen.

Natürlich bieten diese Prognosen keine absolute Sicherheit. Sie sind allerdings, durch die praktisch absolute Transparenz von Bitcoin begünstigt, keine Kaffeesatzleserei als vielmehr eine Echtzeit-Inventur der Marktpsychologie. Wo Aktienanalysten raten müssen, können Krypto-Investoren auf das öffentliche Hauptbuch blicken und sehen, wo das Geld tatsächlich bereitsteht – und wo die Nerven der Anleger blank liegen.

Über den Autor

Adrian Fritz
Adrian Fritz

ist Chief Investment Strategist bei 21Shares und verantwortlich für die Gestaltung der globalen Marktprognosen des Unternehmens und die Kommunikation seiner Investmentstrategien im Bereich digitale Vermögenswerte. Er verbindet Forschung, Kapitalmärkte und Vertrieb, um Investoren dabei zu helfen, sich in der sich ständig weiterentwickelnden Landschaft der digitalen Vermögenswerte zurechtzufinden.