Märkte bewegen Aktien, Zinsen, Politik. Und Menschen. Deshalb präsentieren wir dir hier die bedeutendsten Analysen und Thesen von Top-Ökonomen - gebündelt und übersichtlich. Führende Volkswirte und Unternehmensstrategen gehen den wichtigen wirtschaftlichen Entwicklungen clever und zuweilen kontrovers auf den Grund.
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Finanzexperte Georg von Wallwitz
Künstlicher Boom an Chinas Aktienmärkten?
„China is back“, das schien die unmittelbare Reaktion der Märkte zu sein, nachdem die chinesische Zentralbank Ende September ein umfassendes Stützungspaket für die Kapitalmärkte vorgestellt hatte. Der kurzfristige Zinssatz zur Refinanzierung wurde von 1,7 auf 1,5 Prozent und der Reservesatz um 50 Basispunkte gesenkt.
Die Maßnahmen sollen 1 Billion Yuan (rund 140 Milliarden US-Dollar) für zusätzliches Wachstum freisetzen. Zusätzlich plant die Zentralbank, die Immobilienbranche durch die Senkung der Hypothekenzinsen und die Lockerung der Regeln für den Kauf von Zweitwohnungen zu stützen. Der angeschlagene Immobilienmarkt soll so wieder in Schwung gebracht werden. Schließlich muss die Regierung von Präsident Xi Jinping das selbst gesetzte Wachstumsziel von 5 Prozent für dieses Jahr irgendwie erreichen.
Um rund 30 Prozent sind die Kurse an den chinesischen Festlandsbörsen seitdem nach oben geschossen. Ein wichtiger Faktor für das Kursfeuerwerk: viele Quant-Manager wurden durch die Ankündigungen auf dem falschen Fuß erwischt und mussten rasch wieder China-Positionen aufbauen.
Teil des Konjunkturprogramm dürfte bereits eingepreist sein
Nachdem die Festlandsbörsen in der auf den Nationalfeiertag folgenden Golden Week geschlossen waren, ging es diese Woche noch einmal kurz bergauf, bevor sich Zweifel verbreiteten, ob das Stimuluspaket ausreichend dimensioniert sei.
Insbesondere das bisherige Schweigen der Behörden über konkrete fiskalische Maßnahmen legte die Frage nahe: Wie ernst ist es der Regierung wirklich mit der Unterstützung des Aktienmarktes, der ihr bisher eher egal zu sein schien? Können Anleger, die die China-Rally bisher verpasst haben, nun beruhigt sein?
Bei näherem Hinsehen dürfte nicht nur die monetäre Unterstützung, sondern auch ein Teil des noch nicht spezifizierten Konjunkturprogramms schon am Aktienmarkt eingepreist sein. US-Banken erwarten ein Konjunkturpaket zwischen 2.000 und 3.000 Milliarden Yuan (rund 300 bis 430 Milliarden US-Dollar).
Daneben darf man schon die Frage stellen, ob sich das Land angesichts seiner demografischen Entwicklung mit der künstlichen Beatmung des Immobilienmarkts trotz bestehender und augenscheinlicher Überkapazitäten im Wohnungsmarkt einen Gefallen tut. Wohnungen, in die niemand einzieht, werden für Vermieter auch durch niedrigere Zinsen nicht attraktiver.
Qualität des chinesischen Aktienmarktes in den Blick nehmen
Gerade Anleger mit einem langfristigen Horizont tun gut daran, einen Blick auf die Qualität des chinesischen Aktienmarkts und die vermeintlichen Trends zu werfen. Werden Gewinne gemacht und kommen sie beim (auch ausländischen) Aktionär an? Das lange Zeit populäre Argument, man müsse dort investieren, wo das Wachstum ist, ignoriert die Jahrzehnte alte Erkenntnis, wonach Wirtschaftswachstum und Aktienmarktperformance nicht miteinander korreliert sind.
Keine Frage, der Aufstieg Chinas hat die Weltwirtschaft gründlich verändert, insbesondere seit seinem Beitritt zur WTO im Jahr 2001. Dieser Aufstieg ging im Wesentlichen zu Lasten von Europas Anteil an der Weltwirtschaft. Von 26 Prozent der weltweiten Wertschöpfung (zu Kaufkraftparität) im Jahr 1980 ist der Anteil Europas auf 14 Prozent zurückgegangen. Der Anteil der USA nur von 21 Prozent auf 15,5 Prozent. Chinas Anteil ist dank teilweise zweistelliger Wachstumsraten auf 19 Prozent gestiegen.
Der planwirtschaftliche Aufstieg Chinas findet jedoch keine Entsprechung bei den Aktienrenditen. China ist in den letzten beiden Jahrzehnten kaum besser gelaufen als Europa, obwohl es ganz andere Wachstumsraten hatte in den vergangenen Jahrzehnten. Und angesichts politisch gewollter Überkapazitäten zum Beispiel im Bereich Elektromobilität sollten Anleger nicht naiv sein und goldene Jahre für chinesische Aktien erwarten, sondern lieber in Ländern investieren, in denen die Marktwirtschaft noch etwas gilt.