Chi Lo, BNP Paribas AM

Peking ist endlich dazu übergegangen, das steigende Risiko einer Schulden-Deflationsspirale mit aggressiven Konjunkturmaßnahmen zu bekämpfen. Die Märkte beobachten diesen Schwenk genau: Chinesische Aktien haben sich stark erholt und könnten auf kurze Sicht noch weiter zulegen. Um die Erholung der Wirtschaft und der Vermögensmärkte aufrechtzuerhalten, bedarf es allerdings echter Überzeugung – bei Verbrauchern und Investoren.

Die Abkehr von der Politik der „schrittweisen Lockerung“, die Chinas Zentralregierung seit zwei Jahren verfolgt, signalisiert eine ernste Lage. Chinas wirtschaftliche Probleme, darunter eine Jugendarbeitslosigkeit von rund 20 Prozent und die seit Covid-19 gestiegene Zahl chinesischer Unternehmen, die Verluste schreiben (siehe Grafik 1), haben einen kritischen Punkt erreicht, der zunehmend politischen Druck erzeugt.

Grafik 1: Die Anzahl der chinesischen Unternehmen, die Verluste verzeichnen, ist stark angestiegen

Zum ersten Mal überhaupt hat die Regierung in Peking ein konzertiertes Handeln mehrerer staatlicher Akteure beschlossen:

  • Chinas drei Super-Regulierungsbehörden – die People's Bank of China (PBoC), die China Securities Regulatory Commission (CSRC) und die National Financial Regulatory Administration (NFRA) – gaben den Politikwechsel gemeinsam bekannt.
  • Die PBoC senkte die Leitzinsen und den Mindestreservesatz der Banken und führte den staatlichen Banken Tier-1-Kapital zu, um deren Eigenkapitalbasis zu stärken.
  • Sowohl das Politbüro (einschließlich Präsident Xi Jinping) als auch der Staatsrat hielten kurz nach der Ankündigung der gewaltigen Regulierungsmaßnahmen Sondersitzungen ab, in denen sie das Mega-Konjunkturpaket befürworteten.
 

Das weitreichende Paket umfasst auch

  • Finanzierungshilfen für kleine und mittlere Unternehmen
  • Anreize für den Immobilienmarkt
  • die Einrichtung eines Fonds und einer Swap-Fazilität zur Unterstützung von Finanzinstituten beim Kauf von Aktien.

Peking erweiterte dieses Programm zudem, indem es Menschen in extremer Armut vor dem Nationalfeiertag am 1. Oktober einmalige Bargeldhilfen anbot.

Ob die gigantische konzertierte Aktion jedoch der Wendepunkt für den chinesischen Aktienmarkt sein wird, bleibt abzuwarten. Das Paket geht weder direkt auf das mangelnde Verbrauchervertrauen noch auf den Bestandsüberhang auf dem Immobilienmarkt ein. Bemerkenswert ist, dass keine durchgreifenden fiskalischen Lockerungsmaßnahmen vorgesehen sind.

Selbst die Bargeldzuwendungen an die Verbraucher sind zu gering, um große makroökonomische Auswirkungen zu haben. Nur rund 150 Milliarden Renminbi (21,3 Milliarden US-Dollar) wurden in diesem Jahr für die Linderung extremer Armut veranschlagt (unter diese Definition fallen weniger als fünf Millionen Menschen).

Die Erfahrungen Japans in den Jahren 2010-12 haben gezeigt, dass Maßnahmen zur Ankurbelung der Aktienkäufe ohne eine Verbesserung des makroökonomischen Umfelds keine Marktwende bewirken. Die Bank of Japan kaufte in jedem dieser Jahre börsengehandelte Fonds, aber das Vertrauen der Anleger konnte nicht dauerhaft gefestigt werden.

Zu beobachtende Indikatoren

China muss seine Lockerungsmaßnahmen noch eine Weile fortsetzen, um die Stimmung der Anleger und der Wirtschaft zu verbessern.

Zu den Indikatoren, auf die man achten sollte, gehören:

  • Weitere Konjunkturmaßnahmen in den kommenden Monaten
  • Stabilisierung der Transaktionen und Preise auf dem Immobilienmarkt
  • Erholung des Verbrauchs und der Investitionen des privaten Sektors
  • eine anhaltende Erholung der Kreditvergabe (die noch keinen dauerhaften Aufschwung gezeigt hat).

Was ist jetzt zu tun?

Die Marktrally zu Beginn dieses Jahres dauerte drei Monate (Grafik 2). Aus taktischer Sicht könnte die Rally sogar kurzfristig noch weiter nach oben gehen.

Zum einen dürften großkapitalisierte Unternehmen, Wachstumsunternehmen und solche, die gute Dividenden zahlen und über einen starken Cashflow verfügen, sowohl taktisch als auch strategisch am meisten profitieren. Für Anleger dürften zudem doppelt gelistete H-Aktien in Hongkong, die mit einem Abschlag gegenüber ihren A-Aktien gehandelt werden, interessant sein.

Grafik 2: Chinas Aktienmarktrally hat Potenzial, die Anleger brauchen jedoch Gewissheit, dass sich die Konjunktur zum Besseren wendet

Die weiteren Auswirkungen

China hat bis zum zweiten Quartal 2024 fünf Quartale der Deflation, gemessen am BIP-Deflator, erlebt (Grafik 3). Trotz der jüngsten Stimulierungsmaßnahmen wird sich die Wirtschaft nicht schnell erholen, da es einige Zeit dauern wird, bis die Auswirkungen der Maßnahmen spürbar werden.

 

Die derzeitige Phase der Disinflation wird daher voraussichtlich bis 2025 anhalten – was weltweite Auswirkungen haben könnte. Chinas zugrundeliegende Überkapazitäten bedeuten, dass es die Disinflation weiterhin exportieren wird, wovon vor allem seine Handelspartner in den Industrieländern betroffen sein könnten.

Grafik 3: China erlebt die längste Deflation seit den 1990er-Jahren

Eine Analyse geht davon aus, dass Chinas Konjunkturschwäche dazu beigetragen hat, die Kerninflation in der Eurozone und den USA um etwa 0,1 Prozentpunkt und die Kerninflation bei Gütern um etwa 0,5 Prozentpunkt zu senken (Morgan Stanley, „The Weekly Worldview: Why China’s Deflation Matters,“ 16. September 2024).

Selbst ein solch geringer Betrag ist von Bedeutung, da die Europäische Zentralbank und die US-Notenbank versuchen, die letzten paar Zehntelprozentpunkte der Inflation in den Griff zu bekommen; diese „letzte Meile“ der Inflationsbekämpfung gilt als die schwierigste. Die EZB hat kürzlich ihre Kerninflationsprognose für 2024-2025 um 0,1 Prozentpunkte nach oben korrigiert. Die annualisierte dreimonatige PCE-Kerninflation in den USA liegt bei etwa 1,9 Prozent.

Der Einfluss der chinesischen Deflation auf die Kerninflation in der Eurozone und den USA ist zwar gering, aber dennoch von Bedeutung, da er den Spielraum der Geldpolitiker für Zinssenkungen vergrößert. Wenn die Fed ihre geldpolitische Lockerung beschleunigt, könnte sich der US-Dollar abschwächen, was den Renminbi-Wechselkurs stützen würde. Dies wiederum könnte China zu einer aggressiveren Lockerung veranlassen, ohne dass Peking eine Währungsschwäche befürchten muss.

Die Bemühungen Chinas um eine Stabilisierung des Wirtschaftswachstums dürften den Markt für Industrierohstoffe stützen. Obwohl Peking den Immobilienmarkt – eine Quelle starker Rohstoffnachfrage – nur stabilisieren und nicht zusätzlich anheizen will, bleibt China weiterhin der größte Verbraucher von Rohstoffen und Energie.

Letztlich könnten auch die Kapitalmärkte in Europa und den USA profitieren, wenn auch auf indirekte Weise, da eine robustere chinesische Wirtschaft das Gewinnwachstum der dort agierenden multinationalen Unternehmen fördern würde.