Märkte bewegen Aktien, Zinsen, Politik. Und Menschen. Deshalb präsentieren wir dir hier die bedeutendsten Analysen und Thesen von Top-Ökonomen - gebündelt und übersichtlich. Führende Volkswirte und Unternehmensstrategen gehen den wichtigen wirtschaftlichen Entwicklungen clever und zuweilen kontrovers auf den Grund.
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Volkswirt Ulrich Kater
Im Schatten des Irankriegs: Wie China und die USA sich geoökonomisch positionieren
Der Irankrieg und der davon ausgehende Ölpreisschock haben in den zurückliegenden Wochen die Öffentlichkeit und die Kapitalmärkte in Atem gehalten. Trotz der gegenwärtig immer noch hohen Ölpreise haben sich die langfristigen Perspektiven für die Energiepreise eher entspannt, spätestens mit dem Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate aus der Opec, da dieser Schritt langfristig eine Ausweitung des Rohölangebots bedeutet.
Im Schatten des Golf-Konfliktes und der ökonomischen Konsequenzen drehen sich aber auch die Themen weiter, die vor dem Krieg die Schlagzeilen und Diskussionsforen bestimmten und durch solche Megathemen regelmäßig in den Hintergrunds gedrängt werden.
Neue Lieferketten-Gesetze in China
So geht etwa der Ausbau der Geoökonomie weiter. China hat neue Gesetze über die Kontrolle von Lieferketten erlassen. Ausländische Unternehmen, die wegen geopolitischer Risiken die Produktion in andere Länder verlagern wollen, können jetzt belangt werden. Und zwar in Gestalt von Sanktionen gegen ausländische Manager im Land: Es drohen Ermittlungen, Strafen bis hin zu Ausreiseverboten. Die bewusst vage gehaltenen Formulierungen schaffen Rechtsunsicherheit und erschweren legitime Geschäftsentscheidungen. Unternehmen sehen sich erhöhten Risiken gegenüber und erleben die Besonderheiten des „smarten Autokratismus“ in China.
Demgegenüber machen die USA einen weiteren Schritt zur Verlangsamung der chinesischen Wirtschaftsexpansion, diesmal im Währungsbereich: Bislang hatten hauptsächlich OECD-Länder Zugang zu US-Dollar-Swap-Linien, die für US-Dollar-Liquidität rund um den Globus gerade in Krisenzeiten sorgen. Nun bekommen auch Staaten aus anderen ideologischen Lagern Zugang. Wie der frühere Regierungsberater in Währungsfragen, Stephen Miran, vorgeschlagen hat, nutzen die USA Swap-Linien zunehmend geopolitisch, um die Dollar-Dominanz zu sichern und Länder auf Kurs zu bringen. Europa ist damit der Entwicklung des Euro zur Reservewährung weit hinterher, und es sieht angesichts der fehlenden fiskalischen Einheit Europas auch nicht danach aus, als würde sich dies in absehbarer Zeit ändern.
Könnte KI zum Commodity werden?
Unabhängig von den aktuellen geopolitischen Themen halten sich die Aktienmärkte auf hohem Niveau. Nicht nur Technologieaktien, auch US-Small Caps, europäische, japanische und besonders Schwellenländeraktien profitierten jeweils immer dann, wenn eine Lösung der Transportblockade in den Blick der Marktteilnehmer geriet. Es sind insbesondere die stabilen Gewinnerwartungen und -meldungen, die Bewertungsniveaus attraktiver werden lassen. Die KI-Debatte geht dabei weiter. Noch werden Konjunkturaussichten und Aktienkurse von den Plänen für mehrere hundert Milliarden US-Dollar an jährlichen Investitionen in Rechenzentren und Infrastruktur befeuert. Aber langsam geht der Blick hinter diesen Horizont.
Die Ertragsaussichten hängen davon ab, ob KI-Modelle klar unterscheidbar bleiben – nur dann winken hohe Gewinne. Wird jedoch KI zunehmend standardisiert, drohen ein oligopolitischer Preiswettbewerb und damit massive Abschreibungen für Technologiekonzerne. Es mehren sich Stimmen, dass KI zum Commodity werden könnte. Noch erscheint diese Entwicklung weit entfernt. Bei der Entwicklungsgeschwindigkeit, die diesen Sektor kennzeichnet, könnten neue Bewertungsmaßstäbe allerdings schneller auftreten, als viele erwarten.
US-Geldpolitik wird sich ändern
Und schließlich ist die Hängepartie um den neuen Fed-Chef beendet. Nachdem das US-Justizministerium die Ermittlungen gegen Jerome Powell eingestellt hat, ist der Weg frei für Kevin Warsh als neuer Fed-Chef, selbst wenn Powell dem Gremium wohl bis 2028 erhalten bleiben wird. Es wird sich einiges ändern in der US-Geldpolitik, etwa weniger Kommunikation aus dem Zentralbankrat und mehr Gewicht für langfristige Trends statt kurzfristige Datenanalyse.
Warsh gilt als erfahrener Notenbanker, der zwar von Präsident Trump mit dem Wunsch nach niedrigeren Leitzinsen eingesetzt wurde, der aber sehr eigene und teilweise sehr konservative Vorstellungen von Geldpolitik mitbringt, die eigentlich eher zinssteigernd wirken. Es bleibt abzuwarten, wieviel von seinen Plänen der neue Fed-Kapitän tatsächlich umsetzen kann, wenn er auf der Brücke der größten Notenbank der Welt den Stürmen der internationalen Kapitalmärkte ausgesetzt sein wird.
