Die beschleunigte Entwicklung strategischer Industrien und der digitalen Wirtschaft durch KI sowie die Modernisierung traditioneller Branchen dürften dem Wachstum neue Impulse verleihen und die Produktivität in den kommenden Jahren steigern, erwartet Chi. „Die digitale Wirtschaft war im Jahr 2023 bereits mehr als 50 Billionen Renminbi wert und steht für fast 42 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.“
Kurswechsel bei Chinas Außen- und Immobilienmarktpolitik
Der chinesische Immobilienmarkt ist schon länger ein Sorgenkind. Bereits vor dem NVK versuchte das Land, das Finanzierungsproblem anzugehen und hob die drei „roten Linien“ auf. Diese wurden im August 2020 eingeführt und deckelten den Verschuldungsgrad von Bauträgern im Verhältnis zu Barmitteln, Vermögenswerten und Eigenkapital. „Die Politik beraubte die lokalen Regierungen damit jeglicher politischer Flexibilität, um verschuldete Immobilienunternehmen zu retten“, erläutert Chi.
In dieser Hinsicht stellte der Wechsel von „roten Linien“ zu „weißen Listen“ im Januar 2024 eine wichtige Kehrtwende dar, um die finanzielle Lage der Bauträger zu entspannen. Im Rahmen des „Whitelist“-Mechanismus arbeiten die Stadtverwaltungen mit den Banken zusammen, um für finanzielle Unterstützung und Investitionen geeignete Wohnbauprojekte zu identifizieren. „Dieser Politikwechsel könnte zur Stabilisierung des Immobiliensektors beitragen. Das gilt vor allem, wenn die Strategie mit Anreizen der Lokalregierungen kombiniert wird, um die Nachfrage nach Immobilien zu erhöhen.“
Auch außenpolitisch war jüngst ein Kurswechsel zu beobachten. China und die USA haben sich Ende 2023 auf ein taktisches Tauwetter in ihren frostigen Beziehungen geeinigt, um die geopolitischen Spannungen zu verringern. Chi: „Eine stabile Beziehung zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt dürfte die Stimmung ausländischer Investoren gegenüber China verbessern.“ Bei einem Treffen des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping mit seinem US-Kollegen Joe Biden im November letzten Jahres versprachen die beiden, heikle Konfrontationen zu vermeiden und damit das Risiko einer Entkopplung zu verringern – auch wenn eine mögliche künftige US-Regierung unter Donald Trump diese neu gefundene Stabilität erschüttern könnte.
Ausländisches Kapital kehrt nach China zurück
Um ausländisches Kapital anzuziehen, hat Peking kürzlich alle Marktzugangsbeschränkungen für externe Investitionen im verarbeitenden Gewerbe abgeschafft. Zuvor waren bereits sämtliche Beschränkungen für ausländisches Kapital im Finanzsektor aufgehoben worden.
„Es gibt bereits erste Anzeichen dafür, dass die Investoren nach China zurückkehren“, beobachtet Chi. „Erstens flossen im vierten Quartal 2023 ausländische Direktinvestitionen in Höhe von 17,5 Milliarden US-Dollar ins Land. Im dritten Quartal waren noch 11,8 Milliarden US-Dollar abgeflossen. Zweitens zeigen Daten der US-Börsenaufsicht, dass einige große Hedgefonds seit dem dritten Quartal des vergangenen Jahres, als die meisten internationalen Anleger China gegenüber pessimistisch waren, Positionen in einigen in den USA notierten chinesischen Großunternehmen aufgebaut haben. Schließlich sind die Portfolioströme zurückgekehrt.“
Wie sich Anleger positionieren sollten
Die wirtschaftliche Erholung Chinas nach dem Ende der Covid-Pandemie war fragil. Die Probleme sind Chi zufolge aber hauptsächlich konjunktureller Natur. Eine starke Erhöhung der Staatsausgaben in Kombination mit einer geldpolitischen Lockerung könnten sie lösen. „So würde das Wachstum angeregt und die Vermögenspreise dürften sich ebenfalls wieder erholen.“ Das Risiko sei dabei eine verfrühte Straffung der Politik. Diese erscheint jedoch unwahrscheinlich.
Der Strukturwandel sorgt derweil für wieder steigende Investitionen sowohl in der hochwertigen verarbeitenden Industrie als auch in der High-Tech-Branche. Für Anleger bringt das laut Chi Chancen mit sich: „Peking hat viele wichtige Aufgaben zu bewältigen: Bildungs- und Gesundheitswesen müssen verbessert sowie die Arbeitsmarktstruktur reformiert werden, damit Arbeitsplätze und Qualifikationen zusammenpassen. Die Altersversorgung, weniger Umweltverschmutzung sowie die Begrenzung der Auswirkungen des Klimawandels und vor allem die gleichzeitige Senkung der Schuldenquote sind ebenfalls wichtige Ziele. All diese Aufgaben stehen auch auf Chinas politischer Agenda, weshalb sie als langfristige Investitionsthemen relevant sind.“

