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Marktstratege Mabrouk Chetouane
Warum China ein nachhaltigeres Wachstumsmodell braucht
Nach dem Ende der Covid-Restriktionen haben viele Beobachter im Westen erwartet, dass es wieder zu einem Wirtschaftsaufschwung in China kommen würde, der das Potenzial hat, die Weltwirtschaft anzukurbeln. Dieser Optimismus begann jedoch im zweiten Quartal 2023 zu schwinden, als weder die Investitions- noch die Konsumdaten den erwarteten Aufschwung widerspiegelten.
Wir befürchten, dass es sich dabei nicht um eine temporäre Schwäche der chinesischen Wirtschaft, sondern um strukturelle Probleme handelt. Wir erleben, wie sich in der chinesischen Politik die Prioritäten verändern, sie mit fiskalischen Herausforderungen konfrontiert ist und ihr investitionsgestütztes Wachstumsmodell sich dem Ende zuneigt. Daher muss ein wahrscheinlich nicht nachhaltiger Kurs, der durch Überkapazitäten und steigende Verschuldung gekennzeichnet ist, korrigiert werden, um sich einem nachhaltigeren Wachstumsmodell anzunähern.
Im Gegensatz zu früheren Krisen, als die lokalen Regierungen in der Lage waren, das Wachstum durch aggressive Infrastrukturinvestitionen anzukurbeln, scheint die Zentralregierung nun zu zögern, diese Strategie wieder anzuwenden. Zwar erweckt Chinas Schuldenstand auf den ersten Blick den Eindruck, dass das Land aufgrund des niedrigen Verhältnisses zwischen der Verschuldung der Zentralregierung und dem BIP über einen gewissen Handlungsspielraum verfügt.
Das Bild ist aber weniger rosig, wenn man die Verschuldung der lokalen Gebietskörperschaften und der privaten Haushalte berücksichtigt: Ende 2022 beliefen sich die Schulden der lokalen Regierungen auf insgesamt 80 Prozent des chinesischen BIP, wovon zwei Drittel (etwa 8,9 Billionen US-Dollar) auf sogenannte Local Governments Financing Vehicles (LGFV) entfielen, eine Art Schattenhaushalte, die sogar die bilanzwirksamen Schulden von 4,8 Billionen US-Dollar in den Schatten stellen.
Überkapazitäten in vielen Sektoren
Die zweite große strukturelle Herausforderung für die chinesische Wirtschaft sind deren Überkapazitäten. Seit 2008 sind die Anlageinvestitionen auf über 40 Prozent des BIP gestiegen – ein Wert, der deutlich höher ist als in den Vereinigten Staaten und Europa.
Der Sektor der Elektrofahrzeuge (EV) ist dabei nur das aktuellste Beispiel für die Überproduktion in China. Aggressive Investitionen, die durch staatliche Subventionen angetrieben wurden, haben zu Produktionskapazitäten für Elektrofahrzeugen und Batterien geführt, die die Inlandsnachfrage übersteigt – zumal sie aufgrund der reduzierten Kaufsubventionen und der insgesamt schwachen Binnennachfrage ohnehin rückläufig ist. Gleichzeitig sieht sich China mit zunehmenden Handelshemmnissen für EV-Exporte konfrontiert, insbesondere in die USA und nach Europa, was die internationalen Expansionspläne der EV-Hersteller erschwert und gefährdet.
Das drängendste Problem stellt jedoch die Überproduktion von Immobilien dar, wie wir am Insolvenzverfahren des zweitgrößten chinesische Baukonzern Evergrande sehen. Dem mit umgerechnet mehr als 300 Milliarden US-Dollar verschuldeten Bauträger aus Südchina droht die Abwicklung. Die Liquiditätskrise von Evergrande hat die hohe Verschuldung des gesamten Sektors deutlich gemacht, was alarmierend ist, wenn man bedenkt, dass die Immobilienbranche (Bau und Dienstleistungen zusammengenommen) im Jahr 2021 mehr als ein Viertel des chinesischen BIP ausmachte.
Verschärft wird die Situation durch die große Zahl leerstehender Immobilien; die Leerstandsquote wird auf 12 Prozent geschätzt. Der Bevölkerungsrückgang in China stellt eine zusätzliche Herausforderung dar: Während im Zeitverlauf die Zahl der potenziellen Käufer schrumpft, kommen weiter zusätzliche Wohnungen an den Markt.
Erschwerend kommt hinzu, dass auch andere große Immobilienunternehmen wie Country Garden und die große Vermögensverwaltungsgesellschaft Zhongrong International Trust, die mit Schattenbankaktivitäten verbunden ist, mit Liquiditätsproblemen zu kämpfen haben. Dies verdeutlicht den systemischen Charakter des Problems, und Auswirkungen auf die Realwirtschaft sind nicht auszuschließen.
Das robuste Wirtschaftswachstum Chinas in den letzten Jahrzehnten beruhte zum Teil auf umfangreichen Infrastrukturinvestitionen, die zu einem großen Teil über die bereits erwähnten lokalen Finanzierungsgesellschaften (LGFV) finanziert wurden. Es gibt jedoch zunehmend Bedenken hinsichtlich der Nachhaltigkeit und Umsichtigkeit solcher Investitionen. Einige Provinzen haben sich trotz begrenzter finanzieller Mittel mit dem Bau einer breiten Palette von Infrastrukturen – von Brücken bis zu Flughäfen – verausgabt, was zu einem Anstieg der regionalen Verschuldung geführt hat.