Der chinesische Aktienindex CSI 300, der die Kursentwicklung an den beiden größten Börsen Festlandchinas abbildet, ist seit Jahresbeginn um 17 Prozent gestiegen. Der Hang Seng, bei dem die großen Tech-Werte höher gewichtet sind, verzeichnet sogar ein Plus von 35 Prozent. Die europäischen Aktienmärkte haben sich, gemessen am Stoxx Europe 600, seit dem Jahreswechsel mit einem Plus von 10 Prozent deutlich schwächer entwickelt. Der S&P 500 schneidet mit einem Zugewinn von 13 Prozent nur unwesentlich besser ab. Es gibt gute Gründe dafür, dass sich chinesische Aktien auch in den kommenden Monaten besser entwickeln könnten als europäische oder amerikanische.

Gefahr eines Handelskriegs vorerst gebannt

Die USA und China haben sich auf ein Handelsabkommen geeinigt, wenn auch bislang keine Details bekannt sind. Es sieht jedoch alles danach aus, als sei die Gefahr eines Handelskriegs zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt - zumindest vorerst - gebannt. Während die Europäer vor US-Präsident Donald Trump einen Kotau gemacht haben, haben die Chinesen gegengehalten.

Das war aus zwei Gründen möglich:

  1. Erstens machen die chinesischen Exporte in die USA mittlerweile weniger als 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus. Amerikanische Einfuhrzölle können der Wirtschaft zwar schaden, aber längst nicht so stark, wie es die Anleger jahrelang erwartet haben. Dasselbe gilt in dem Zuge übrigens für den schwachen Dollar. Außerdem haben die Chinesen die Waren, die sie früher in die USA exportiert haben, zu einem großen Teil bereits nach Europa und in andere asiatische Länder umgeleitet.
  2. Zweitens verfügt das Reich der Mitte über wirksame Gegenmaßnahmen, die den USA richtig wehtun können. Bei seltenen Erden und Dauermagneten verfügt China über eine monopolähnliche Stellung. Ein Exportverbot würde große Teile der US-Wirtschaft zum Stillstand zwingen. Dieses Drohpotenzial hat China in den Verhandlungen mit den USA genutzt.

China: Deutlich günstiger bewertet

Darüber hinaus ist die Wall Street mittlerweile selbst für amerikanische Verhältnisse wirklich teuer. So kommt der Dow Jones aktuell auf ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 24, der technologielastigere S&P 500 wird sogar mit dem 27-Fachen der erwarteten Jahresgewinne bewertet. Beides liegt deutlich über dem historischen Durchschnitt.

Das gilt ebenfalls für die europäischen Börsen, auch wenn hier die Abweichungen geringer ausfallen. Der CSI 300 ist mit einem KGV von 18 zwar auch nicht gerade preiswert. Dafür scheint der Hang Seng Index mit einem KGV von weniger als 13 vergleichsweise günstig.

China plant langfristig

Aufgrund niedriger Verschuldung und geringer Zinsen ist China jederzeit in der Lage, die eigene Wirtschaft stark anzukurbeln. Die Frage ist, wann das passieren könnte.

Da China keinen regelmäßigen innerpolitischen Druck durch Wahlen ausgesetzt ist, kann das Land langfristiger planen, ruhiger agieren und abwarten, wie sich die finanzielle Situation der USA entwickelt.

Ein mögliches Szenario wäre, dass Peking darauf wartet, bis sich die konjunkturelle Dynamik der USA deutlich abschwächt. Im richtigen Moment könnte dann mit starken Stimuli das Land des „unendlichen“ Wachstums mit der stärksten Attraktivität für Investoren abgelöst werden.

Ankurbelung des Konsums

Die chinesische Regierung könnte vor allem die schwache Inlandsnachfrage unterstützen. Der private Konsum trägt mittlerweile weniger als 40 Prozent zum BIP bei. Zum Vergleich: 1955 waren es noch mehr als 60 Prozent. Die Sparquote der privaten Haushalte beläuft sich in China auf mehr als 30 Prozent der verfügbaren Einkommen. Auf Sparkonten wird dieses Geld jedoch nur mit einem Prozent verzinst. Hier besteht somit enormes Potenzial

Da der Immobilienmarkt zur Ruhe zu kommen scheint, ist es durchaus möglich, dass die chinesischen Verbraucher künftig etwas weniger Geld auf die hohe Kante legen. Würde auch nur ein kleiner Teil dieser Ersparnisse in die Aktienmärkte fließen, hätte das spürbare Auswirkungen. Aus ausländischer Sicht kommt hinzu, dass sich der Yuan im Gegensatz zum US-Dollar stabilisiert und der chinesische Kapitalmarkt wächst.

Es gilt allerdings auch, die Risiken zu erwähnen. Rund 70 Prozent der chinesischen Vermögen sind in Immobilien investiert. Es bleibt abzuwarten, ob die derzeitige Stabilisierung nachhaltig ist. Außerdem bestehen signifikante geopolitische Risiken. Das gilt insbesondere für den Konflikt mit Taiwan, das sich das kommunistische Festlandchina einverleiben möchte.

Eigentlich möchte Präsident Xi Jinping diesen Konflikt noch während seiner Regentschaft „lösen“. Xi ist 72 Jahre alt. Die USA gelten als inoffizielle Schutzmacht Taiwans. Das könnte zu direkten Auseinandersetzungen der beiden größten Armeen der Welt führen. In der Regel neigen Börsianer jedoch dazu, solche Risiken weitgehend auszublenden und sich auf die Chancen zu konzentrieren.


Michael Wittek leitet das Portfoliomanagement bei Albrecht, Kitta & Co. und ist für die Anlegestrategie der Vermögensverwaltung verantwortlich.
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