Zu reich für die Sparkasse, zu arm für Julius Bär: Christian Schneider-Sickert kennt das Problem aus eigener Erfahrung. Mit einigen Hunderttausend Euro auf dem Konto ist man für normale Bankberater plötzlich „zu kompliziert“, aber für echte Private Banker noch lange nicht interessant genug. Diese Lücke im Markt wurde zur Geschäftsidee – und heute, fast zehn Jahre später, verwaltet sein Unternehmen Liqid 3,5 Milliarden Euro und demokratisiert nebenbei noch Private Equity.
Die 300.000-Euro-Chance
„Ich stand mehr oder weniger mitten in der Karriere, hatte im Ergebnis wahrscheinlich ein bisschen mehr als der Durchschnitt verdient“, erinnert sich Schneider-Sickert an die Zeit vor der Gründung. Nach Stationen in Oxford, Harvard und bei Goldman Sachs war er das, was die Branche „affluent“ nennt – vermögend, aber kein Millionär.
Das Problem: Menschen wie er finden sich in einer merkwürdigen Zwischenwelt gefangen. Zu anspruchsvoll für die Standardprodukte der Hausbank, aber mit ihren vielleicht 300.000 oder 500.000 Euro für die Privatbanken, wo es erst ab mehreren Millionen richtig losgeht, schlicht uninteressant. „Die sehen sich dann gefangen zwischen Retail-Angeboten auf der einen Seite und auf der anderen Seite der doch noch halbwegs verkrusteten Privatbankwelt“, beschreibt er die Situation im Podcast „The Portfolio People“.
Die Lösung lag für den Unternehmensgründer auf der Hand: Ein digitales Family Office schaffen, das „qualitativ dem, was du mit deutlich mehr Geld bekommst, in nichts nachsteht, aber gleichzeitig halt ein bisschen mehr accessible ist.“
Das Milliardengeschäft mit der Lücke
Heute bedient Liqid mit etwa 10.000 Kunden genau diese Nische – und das offenbar erfolgreich. Die Mindesteinstiegssumme liegt bei 100.000 Euro, bewusst gewählt, wie Schneider-Sickert erklärt: „Wir möchten unseren Kunden extrem gute Konditionen und vor allen Dingen aber auch einen hybriden Service bieten.“
Das bedeutet: Digitale Effizienz gepaart mit persönlicher Beratung. Kein reiner Robo-Advisor, aber auch kein verstaubtes Private Banking. Die Kunden bekommen „gut ausgebildete persönliche Berater“, ohne dafür Millionär sein zu müssen.
Die Frage nach der Profitabilität beantwortet der CEO differenziert. Das Kerngeschäft sei „von Tag eins mehr oder weniger profitabel“ gewesen. Doch Liqid folgt einem typischen Tech-Modell: Hohe Kundenakquisitionskosten am Anfang, die sich über die Lebenszeit des Kunden amortisieren. „Wir könnten dieses Jahr profitabel sein“, sagt Schneider-Sickert, fügt aber hinzu: „Da gab es interessanterweise Diskussionen mit unseren Investoren, die gesagt haben: Toll, dass ihr das könnt, aber ganz ehrlich, wollen wir gar nicht.“
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Private Equity wird salonfähig
Aufmerksamkeit gelang Liqid mit der Demokratisierung von Private Equity. Was früher nur institutionellen Investoren und Ultra-Reichen vorbehalten war, macht das Unternehmen nun ab 10.000 Euro zugänglich – sogar per Sparplan.
„Private Markets sind noch immer ein sehr neues Thema für viele Anleger“, räumt Schneider-Sickert ein. Doch er ist überzeugt: Diese Anlageklasse gehört in jedes gut diversifizierte Portfolio. Larry Fink von Blackrock propagiert ein 50-30-20-Portfolio (50 Prozent Aktien, 30 Prozent Anleihen, 20 Prozent Private Assets), und Schneider-Sickert stimmt grundsätzlich zu: „20 bis 30 Prozent ist auch die Hausordnung, in der die meisten Family Offices investieren.“
Mit dem Liqid Private Equity Next hat das Unternehmen einen der größten Eltif-Fonds Europas aufgelegt – mittlerweile ist er über 200 Millionen Euro schwer. Der Clou: Durch eine Co-Investment-Strategie mit Partner Neuberger Berman investieren Kleinanleger direkt neben Giganten wie KKR und Co in deren Deals. „Du kriegst dieselbe Ware, die du mit 10, 20 oder 30 Millionen bekommen würdest“, verspricht Schneider-Sickert und grenzt sich damit klar von dem ab, was er „Zahnarzt-Tranchen“ nennt – minderwertige Produkte, die nur so aussehen wie echtes Private Equity.
Die Sache mit der J-Curve
Ein großes Hindernis für Privatanleger bei Private Equity ist die berüchtigte J-Curve – der anfängliche Wertverlust, bevor es bergauf geht. Schneider-Sickert wird hier zum Aufklärer: „Nach einem Jahr im Plus zu sein im Private-Markets-Umfeld ist ein Riesen-Win. Weil im guten Private-Equity-Fonds, der langfristig fantastische Rendite liefert, wärst du in den ersten Jahren da bei minus 20, minus 25 Prozent. Und das ist normal.“
Diese Geduld müssen Anleger erst lernen. Wer aus der Welt der ETFs kommt, wo man heute kauft und morgen schon im Plus sein kann, muss umdenken. „Ich kaufe eine Firma und entwickle die aktiv weiter. Wie glaubwürdig ist es, dass du da nach zwei Monaten 10 Prozent, 20 Prozent Wertsteigerungen hast“, fragt Schneider-Sickert rhetorisch. Private Equity ist ein Marathon, kein Sprint.
Die Macht der richtigen Investoren
Hinter Liqid stehen nicht irgendwelche Geldgeber, sondern strategische Partner: Die Privatbank LGT, der Growth-Investor Toscafund aus London, Project A aus Berlin und das Multifamily Office HQ Capital. „Ntürlich freust du dich über das Geld, aber es ist auch wichtig zu überlegen: Welche Rolle, welche Unterstützung, welche Skills bringen die mit?“
Diese Investoren sind mehr als Kapitalgeber. LGT kennt das klassische Private Banking, Toscafund bringt internationale Finanzmarktexpertise, Project A mit Florian Heinemann ist „am Zahn der digitalen Zeit“, und HQ Capital versteht die Bedürfnisse von Family Offices.
Der „bunte Hund“ fordert Veränderung
Auf LinkedIn wurde Schneider-Sickert einmal als „bunter Hund im Nadelstreifen“ bezeichnet – ein Etikett, das gut zu seiner Philosophie passt. „Was ich hier intern auch immer wieder fordere und fördere, ist dieses permanente Hinterfragen. Wir nennen das intern 'Challenge the status quo'“, erklärt er.
Diese Haltung zeigt sich auch in seiner radikalsten Forderung: „Abschaffung der Bestands- und anderen Provisionen.“ Er sieht darin ein „Riesenproblem“ der Branche und fragt pointiert: „Ich sehe nicht, wie das irgendeinen Mehrwert für den Kunden bringt.“
Die Zukunft gehört den Hybriden
Schneider-Sickert und Liqid stehen exemplarisch für eine neue Generation von Finanzdienstleistern: International geprägt, technologieaffin, aber mit tiefem Verständnis für traditionelle Vermögensverwaltung. Sie bedienen eine Zielgruppe, die lange übersehen wurde – erfolgreiche Berufstätige, die mehr wollen als ETF-Sparpläne, aber (noch) keine Millionäre sind.
Mit der Demokratisierung von Private Equity geht Liqid noch einen Schritt weiter. Die Botschaft ist klar: Professionelle Vermögensverwaltung und alternative Anlageklassen sind nicht mehr nur etwas für die obersten Zehntausend. Auch wenn man dafür Geduld braucht und verstehen muss, dass eine J-Curve kein Drama, sondern ein Feature ist.
„Ich bin Unternehmer. Ich bin immer latent irgendwie unzufrieden, weil immer mehr geht“, sagt Schneider-Sickert über die 200 Millionen im Private Equity Nxt Diese gesunde Unzufriedenheit könnte der Antrieb sein, den es braucht, um die Finanzbranche weiter aufzumischen.


