Der US-KI-Anbieter Anthropic hat am 14. September 2026 mit „Claude for Financial Advisors“ ein Angebot vorgestellt, das sich gezielt an Finanzberater und Vermögensverwalter richtet. Wie das Unternehmen im offiziellen Claude-Blog mitteilte, bündelt das Plugin Schnittstellen und spezialisierte Arbeitsabläufe: Claude soll auf Daten aus Depotführung, Portfoliomanagement, Kundenverwaltung und Finanzplanung zugreifen und Berater unter anderem bei der Terminvorbereitung, bei Portfolioanalysen, Compliance-Prüfungen und der Nachbereitung von Gesprächen unterstützen.
Zusammenarbeit mit Blackrock & Co.
Das Plugin arbeitet laut Anthropic unter anderem mit Blackrock und Charles Schwab zusammen. Blackrock bindet über den hauseigenen „Advisor Center“ seine Portfoliokonstruktions-Expertise, Modellportfolios und institutionelle Analytics in Claude ein. Charles Schwab verbindet Claude mit Depotdaten von Schwab Advisor Services – darunter Salden, Positionen, Transaktionen, Kostenbasis und Alerts –, sodass Berater Kundendaten einsehen und Termine vorbereiten können.
Weitere Kooperationspartner sind laut Claude Addepar, Envestnet, iCapital, Orion, Wealthbox, Wealth.com und Zocks. Darüber hinaus kann Claude über bereits bestehende Schnittstellen unter anderem auf Microsoft 365, Salesforce, Factset, S&P Global und Morningstar zugreifen.
Berater sollen die Kontrolle behalten
Die integrierten Anwendungen können laut Anthropic Informationen zusammenführen, Abweichungen von Zielallokationen erkennen, alternative Anlagen auswerten sowie Entwürfe für Gesprächsunterlagen und Kundenkommunikation erstellen. Anlageempfehlungen, Kundenmitteilungen, Compliance-Entscheidungen und andere regulierte Tätigkeiten müssen jedoch weiterhin von Menschen geprüft und freigegeben werden. Kritische Arbeitsschritte bedürfen ausdrücklich der Zustimmung des Beraters, heißt es von Claude.
„Claude for Financial Advisors“ ist nach Unternehmensangaben bereits verfügbar. Das Plugin selbst ist kostenlos. Für registrierte Anlageberater empfiehlt Anthropic jedoch die Enterprise-Version, da sie unter anderem Protokollierungsfunktionen für regulatorische Aufzeichnungspflichten bietet. Laut Peter Nolan, der bei Anthropic das Asset- und Wealth-Management verantwortet, liegen die Kosten dafür bei rund 70 bis 120 US-Dollar pro Nutzer und Monat.
Konto-Feature für Privatkunden
Doch laut Medienberichten geht Anthropic noch weiter. Der auf neue App-Funktionen spezialisierte Dienst „Testing Catalog“ hat in der iPhone-App von Claude einen unveröffentlichten Bereich namens „Money“ entdeckt. Dort sollen Nutzer ihre Bankkonten verbinden und Fragen zu ihren Finanzen stellen können.
Welche Möglichkeiten „Money“ konkret bieten soll, ist offen. Denkbar wären Auswertungen zu Ausgaben und Kontoständen, das Erkennen laufender Abos oder ein Überblick über das eigene Vermögen. Auch Investments und Finanzplanung könnten eine Rolle spielen. Statt Kontoauszüge manuell hochzuladen, könnte Claude die Daten künftig direkt über das verbundene Konto beziehen.
Offiziell angekündigt hat Anthropic die Funktion bislang nicht. Unklar bleiben deshalb unterstützte Banken und Kontotypen, der Anbieter für die technische Anbindung sowie ob Claude nur Informationen auswerten oder später auch selbst Aktionen ausführen könnte. In der Web-Version wurde der Bereich bislang nicht gesichtet. „Testing Catalog“ selbst hält einen zunächst auf die USA beschränkten Start für wahrscheinlich. Anthropic hat das weder bestätigt, noch einen Termin für das Live-Schalten genannt.
Vorbild Open AI
Die erste KI mit direktem Konto-Zugriff wäre Claude allerdings nicht: Open AI hat bereits den Anfang gemacht. Mit „Finances in ChatGPT“ können Nutzer ihre Konten über den Finanzdienstleister Plaid mit ChatGPT verbinden. Die Anwendung startete am 15. Mai 2026 und ist inzwischen im Web sowie auf iOS und Android verfügbar. Aktuell ist dieser Dienst allerdings nur für Plus- oder Pro-Abonnenten in den USA zugänglich.
Viele Hürden in Deutschland
„Ein Feature wie „Claude Money“ ließe sich nicht ohne Weiteres 1:1 in den deutschen beziehungsweise europäischen Markt übertragen“, erklärte das Claude LLM auf Nachfrage von DAS INVESTMENT. Hierzu nannte die KI mehrere Gründe:
- Datenschutz: Kontotransaktionsdaten gelten als besonders sensibel, da sie laut den Leitlinien des Europäischen Datenschutzausschusses auch Rückschlüsse auf besondere Kategorien personenbezogener Daten zulassen.
- PSD2: Für den Zugriff auf Bankkonten in der EU wäre eine Zulassung als Kontoinformationsdienstleister nötig – Plaids Infrastruktur ist zudem primär auf US-Institute ausgerichtet.
- Fida: Die geplante EU-Verordnung zum Financial Data Access soll Open Banking auf weitere Finanzbereiche ausweiten, wird aber frühestens ab 2027 stufenweise wirksam.
- KI-Verordnung: Seit Ende Juli 2026 ist die Bafin über das KI-Marktüberwachungsgesetz für bestimmte KI-Systeme im Finanzsektor zuständig.
Ein deutsches Beispiel zeigt, wie ein rechtskonformer Rahmen aussehen könnte: Scalable Capital öffnete im August 2026 sein Wertpapierdepot testweise für KI-Assistenten wie ChatGPT und Claude. Die KI darf Order vorbereiten, ausgeführt wird aber ausschließlich nach expliziter Nutzerfreigabe. Das Prinzip „Mensch entscheidet, KI bereitet vor“ zieht sich damit durch beide Claude-Stränge – das offiziell gelaunchte Berater-Plugin ebenso wie den deutschen Vergleichsfall.
Verbrauchervertrauen bleibt gespalten
Ob sich eine solche Claude-Anwendung durchsetzen könnte, ist unklar. Bei Finanzdaten ist Vertrauen entscheidend – und genau hier zeigte Claude zuletzt wiederholt Schwächen. So gelangten durch Fehlkonfigurationen Claude-Modelle bei Cybersicherheits-Tests mehrfach aus einer eigentlich abgeschotteten Testumgebung ins offene Internet und griffen dabei auf reale Drittsysteme zu.
Anthropic hatte im Juli 2026 zunächst drei solcher Vorfälle offengelegt. Bei einer nachträglichen Auswertung kam Anfang September ein vierter Fall ans Licht, der bereits auf Januar 2026 zurückgeht und eine unveröffentlichte Vorabversion von Claude Opus 4.6 betraf. „Money“ wäre zwar ein anderer Anwendungsfall als die Cybersicherheits-Evaluierungen, würde Claude aber Zugriff auf besonders sensible Informationen geben.
Laut einer Bitkom-Erhebung lehnt knapp die Hälfte der Befragten den Einsatz von KI bei Finanzentscheidungen grundsätzlich ab. Ein Viertel hat bereits Chatbots um Finanzrat gefragt. Eine Postbank-Studie kommt zu einem ähnlichen Bild: 70 Prozent lehnen KI-Einsatz bei Überweisungen, Geldanlage oder Beratung ab. Gleichzeitig vertrauen 75 Prozent einer persönlichen Beratung mehr als einer KI.


