DAS INVESTMENT: Auf der diesjährigen Branchenmesse DKM haben Sie zu einer Diskussionsrunde zu thematischen Investments eingeladen. Was sind denn heute die drei Top-Anlagethemen?
Simona Merzagora: Ein zentrales Thema ist Nachhaltigkeit und die entsprechende Regulierung – sie umfasst eine große Zahl an verschiedenen Bereichen. Um diese Megatrends dreht sich auch unser Produktangebot. Zum einen sehen wir beispielsweise, dass der Markt für nachhaltige Gebäude wachsen wird: Regulierung im Rahmen des Green Deal der Europäischen Union stößt einen wichtigen Wandel im Bausektor an, der viele Anlagechancen bietet. Von Investorenseite sehen wir außerdem ein wachsendes Interesse an grünen und sozialen Anleihen. Dies ist ein noch vergleichsweise kleiner Markt – 3,4 Prozent der Assets und 5 Prozent der Emissionen. Dank der immer noch recht hohen Zinsen bieten die Anleihemärkte aktuell jedoch sehr gute Renditemöglichkeiten; grüne und soziale Anleihen sind hier keine Ausnahme. Zwei weitere Bereiche sind für uns nachhaltige Ernährung und Kreislaufwirtschaft. Hier profitieren innovative Unternehmen von zunehmender Regulierung und von einem Wandel im Verbraucherverhalten sowie auch vom technologischen Fortschritt. Dank dieser technischen Verbesserungen steigern sie die Effizienz in ihrer Produktion und somit auch ihre Profitabilität.
Inwiefern reagiert von Ihnen geführte Mediolanum International Funds Limited in Deutschland darauf mit einem möglicherweise angepassten Produktangebot?
Merzagora: Für die oben genannten Trends haben wir entsprechende Fonds unserer Produktfamilie Best Brands aufgelegt: den Sustainable Nutrition für das Thema nachhaltige Ernährung sowie den Circular Economy Opportunities für das Thema Kreislaufwirtschaft. Die jüngsten zwei Neuauflagen sind der Green Building Evolution – dieser setzt auf Unternehmen, die zu mehr Nachhaltigkeit im Bausektor beitragen – sowie der Global Sustainable Bond Fund mit Fokus auf grüne, soziale und nachhaltige Anleihen. Im Allgemeinen stehen wir dafür ein, dass Anleger sich in langfristigen Themen engagieren, die durch Veränderungen in der Regulierung, gesellschaftlichen Präferenzen und technologischen Fortschritten geprägt werden. Unternehmen, die in diesen Bereichen führend sind, profitieren von diesen Megatrends und haben gleichzeitig den Vorteil, dass sie positive Auswirkungen auf die Gesellschaft und die Umwelt haben.
Und mit welchen Produkten zur Geldanlage beziehungsweise Altersvorsorge werben Sie insbesondere um private und/oder institutionelle Kunden hierzulande?
Merzagora: Institutionelle Investoren zählen noch nicht zu unserer Zielgruppe. Aber im Bereich der Altersvorsorge für Privatkunden setzen wir auf unsere Einmalbeitrags-Fondspolice Mediolanum Life Plan. Hierbei wird das Vermögen schrittweise über einen vorab festgelegten Zeitraum in die Kapitalmärkte investiert. Das geschieht automatisiert mithilfe der Intelligent Investment Strategy, die Mediolanum eigens dafür entwickelt hat: Geht es auf den Märkten bergab, wird ein Kaufsignal gesendet und günstig eingekauft. Wenn die Märkte über einen gewissen Punkt steigen, wird dagegen verkauft. Wann genau das geschehen soll, legt der Kunde zusammen mit seinem Berater vorab fest – je nach Risikopräferenz und Anlageziel. Durch diese transparente und automatisierte Anlagestrategie vermeiden Anleger kostspielige emotionale Entscheidungen, wie etwa Panikverkäufe oder Herdentrieb, und investieren stattdessen langfristig. Für Berater bietet das System den Vorteil, dass sie ihren Kunden mithilfe des Rechen-Tools die Vorteile einer langfristigen Anlagestrategie transparent erklären können und vermeiden, dass ihre Kunden in Panik verfallen, wenn auf den Märkten einmal nicht die Sonne scheint.
Im Jahr 2024 dominieren die Kriege im Nahen Osten und der Ukraine die Nachrichtenlage. Daher stellt sich die Frage, wie wichtig deutschen Anlegern überhaupt noch das Investment-Thema Nachhaltigkeit ist. Wie hat sich dessen Relevanz in den vergangenen Jahren verändert? Und wie erklären Sie sich diesen Trend?
Merzagora: Der Grund für die Mittelabflüsse aus nachhaltigen Fonds vor einigen Jahren waren mangelnde Transparenz, unklare Regulierung sowie ein Vertrauensverlust infolge von Greenwashing-Skandalen. Bereits 2024 hatte sich die Nachfrage nach nachhaltigen Anlageprodukten aber erholt. Wir sind uns sicher, dass sich dieser Trend fortsetzen wird – und dass nachhaltige Investments weiterhin vielversprechend sind. Denn es handelt sich um einen weltweiten Strukturwandel, der sich über viele Sektoren erstreckt und eine Vielzahl an interessanten Anlagemöglichkeiten bietet. Transparenz ist hier jedoch entscheidend. Anleger müssen verstehen können, was die Vor- und Nachteile nachhaltiger Investments sind. Und sie müssen verstehen können, wie die Renditen entstehen und welcher Anlagehorizont hier sinnvoll ist. Denn Investitionen dieser Art sind langfristige Anlagen, die keine kurzfristigen Renditen abwerfen. Gleichzeitig muss eine ausreichende Risikostreuung gewährleistet werden – über Themen, Sektoren und Anlagestile hinweg.
Inma Conde: Ich erinnere mich noch gut daran, dass das Thema Nachhaltigkeit zu Beginn meiner beruflichen Karriere vor allem für bestimmte institutionelle Investoren wichtig war – wie zum Beispiel staatliche Pensionsfonds und die Stiftungen großer US-Universitäten. Um das Jahr 2018 aber explodierte geradezu die Nachfrage nach ESG-Investments auch vonseiten der Privatanleger. Die Euphorie hielt bis vor etwa zwei Jahren an. Dann jedoch setzte bei vielen Konsumenten eine gewisse Müdigkeit ein gegenüber den drei Schlagworten Environmental, Social und Governance, kurz ESG, was im Englischen für Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung steht. Dieser Meinungswechsel dürfte von den negativen Schlagzeilen über Greenwashing-Skandale verursacht worden sein. Zudem gilt der Begriff Nachhaltigkeit heute als Zankapfel zwischen verfeindeten politischen Lagern – zum Beispiel in den USA.
Wie setzen Sie die Ziele von ESG-Investments in Ihren Fonds um?
Conde: Grundsätzlich gilt für uns als italienische Fondsgesellschaft, dass wir nicht in Unternehmen investieren dürfen, die ihr Geld mit kontroversen Waffen wie beispielsweise Streubomben und Landminen verdienen. Weit darüber hinaus gehend entsprechen von unseren elf thematischen Investmentfonds derzeit sechs den hohen ESG-Anforderungen gemäß Artikel 9 der Offenlegungsverordnung, bei der die Europäische Union gute Arbeit geleistet hat. Die weiteren fünf sind sogenannte Artikel-8-Fonds. Allein in diesem Jahr haben wir zwei neue ESG-Fonds aufgelegt, die in Green Bonds beziehungsweise nachhaltige Immobilien investieren.
Immobilienfonds sind eine relativ neue Variante von ESG-Investments. Wie kommunizieren Sie solch komplexe Aspekte der Nachhaltigkeit gegenüber Ihren Privatkunden?
Conde: Quantitative Aussagen zum Beispiel zur Energieeffizienz oder reinen Emissionsdaten sind selbst für Profis manchmal schwer zu verstehen – und erst recht für Privatanleger. Daher sind diese Informationen für den Praxisalltag im Fondsvertrieb eher weniger relevant. Es geht uns stattdessen vielmehr darum, dem Endverbraucher eine langfristig erfolgversprechende Investment-Story zu vermitteln, die er leicht nachvollziehen kann. Ein Beispiel hierfür ist der langfristige Trend hin zu sauberen Transportmitteln, von dem die heutigen Pioniere als Gewinner von morgen profitieren können. Denn dann fasst der Privatinvestor auch eher den Mut, dauerhaft an seiner Anlageentscheidung festzuhalten. Es kommt in den sehr engen Segmenten des Kapitalmarktes nämlich immer wieder vor, dass die Volatilität der Tageskurse das Risikoempfinden der Privatanleger überstrapaziert.
Der Weg nach oben ist hier bildlich gesprochen mit Schlaglöchern und Gegenwind verbunden. Ähnliche Wachstumsschmerzen haben wir vor drei Jahrzehnten auch in der damals neu aufkommenden Internetbranche gesehen. Dies ist ein Grund dafür, dass wir beispielsweise beim breit gefassten Investment-Thema nachhaltige Ernährung Einzeltitel aus den Unterkategorien Pharma, Rohstoffe und Technologie miteinander mischen. Diese Diversifizierung von typischen Value- und Growth-Titeln mindert die Gefahr, übermäßig von einzelnen Ausreißern nach unten betroffen zu sein. Erst gemeinsam schaffen die ESG-Vorbilder dieser Branchen die Basis, um die großen Herausforderungen der Menschheit anzugehen, zu denen zuvorderst der Klimawandel zählt.
In direkter Verbindung mit einem weiteren Topthema der Zukunft gibt es aktuell auch eine Diskussion darüber, ob Künstliche Intelligenz, kurz KI, das Klima retten kann.
Conde: Ja. KI könnte dabei helfen, ein Hauptproblem vieler ESG-Investoren zu lösen: Informationen zur Nachhaltigkeit zu erheben, zu messen und zu verarbeiten. Denn hierfür gibt es keine allgemeingültigen Standards, welche Daten wie zu interpretieren sind. Künstliche Intelligenz kann diese Prozesse vereinfachen. Außerdem dürfte KI zukünftig eine große Rolle spielen, um beispielsweise Wetterprognosen zu verbessern und Naturkatastrophen früher vorherzusehen. Das eröffnet vielversprechende Möglichkeiten für eine nachhaltigere Energieversorgung, Landwirtschaft und Mobilität. Langfristig besteht zudem Grund zur Hoffnung, dass der vermehrte KI-Einsatz Forscher dabei unterstützen könnte, technische Lösungen zum Aufhalten des Klimawandels zu finden. Derzeit aber gibt es auch noch Probleme mit der KI selbst zu lösen: Einerseits werfen die bisher eingesetzten Methoden Fragen bezüglich des Datenschutzes auf. Andererseits geht der KI-Einsatz mit einem großen ökologischen Fußabdruck einher. Denn die dafür erforderlichen Rechenleistungen verbrauchen viel Strom, insbesondere das Training von KI-Modellen ist sehr energieintensiv.
Über die Interviewten:
Inma Conde ist seit Anfang 2023 Chefin für ESG-Investments bei der Mediolanum International Funds. Die Fondsgesellschaft mit Sitz im irischen Dublin ist der Vermögensverwalter der Mediolanum Banking Group aus Mailand. Conde wechselte vor sechs Jahren von Minnesota Philanthropy Partner, einer der größten Gemeindestiftungen in den USA, wo sie als Director of Investments tätig war.
Simona Merzagora arbeitet seit einem Jahr als Senior-Beraterin des Fondsanbieters Mediolanum International Funds in Deutschland, für Mediolanum nach eigenen Angaben einer der vielversprechendsten Märkte. In dieser Position soll sie die Präsenz des Unternehmens hierzulande ausbauen und die Zusammenarbeit mit Vermittlern, Finanzberatern und Maklerpools stärken.

