Altersvorsorge in Deutschland „Riester-Comeback zeigt nur Verkaufswillen der Vertriebe“
„Die Riester-Rente erwacht zu neuem Leben und hat eine Zukunft“, kommentiert der Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute (BVK) in einem aktuellen Statement die Zahlen zum Neugeschäft der Lebensversicherer 2021. Wie wir in der vorigen Woche berichtet haben, entwickelte sich ihr Absatz von Riester-Verträgen überraschend positiv: Mit einem Plus um 12,0 Prozent auf etwa 310.500 Policen war die höchste Zahl an neu abgeschlossenen Riester-Verträgen seit fünf Jahren zu verzeichnen.
„Diese sehr erfreuliche Entwicklung ist ein deutliches Signal der Verbraucher an die Politik, dass die geförderte private Altersvorsorge weiterhin gewünscht wird. Die aktuellen Zahlen bestärken uns in unserer Position, dass die geförderte private Altersvorsorge notwendig ist und auch weiterhin eine Zukunft hat“, kommentiert BVK-Präsident Michael H. Heinz. Sein Verband hatte im Mai ein Positionspapier vorgelegt, wie man die private Altersvorsorge mit staatlicher Förderung „entschlacken“ und „zukunftsfester machen“ könnte.
Als konkrete Baustellen der immer weiter aufgeschobenen Riester-Reform benennt der BVK die Pflicht, dem Kunden zum Rentenbeginn sein Erspartes plus Zulagen in voller Höhe zuzusichern. Denn in der Folge könne das Geld nur in nahezu risikolose Kapitalanlagen fließen, deren Zinsen unter der Inflationsrate liegen. „Fiele dagegen die Beitragsgarantie weg, könnten die Anbieter die Kundengelder chancenreicher anlegen, was die Rendite heben würde“, heißt es hierzu von dem Vermittlerverband.
Daneben sollten die Höchstgrenzen für die steuerliche Förderung steigen, ebenso wie das Schonvermögen für Bezieher staatlicher Leistungen im Alter. Die Riester-Rente könne laut dem BVK-Papier zudem für weitere Berufsgruppen geöffnet werden, wie beispielsweise Selbstständigen. „Das Modell der Riester-Rente hat also noch erhebliches Potenzial. Schätzungen gehen davon aus, dass rund 34 Millionen Bundesbürger über die staatliche Riester-Förderung für ihr Alter vorsorgen könnten.“
16 Millionen Riester-Verträge
Knapp halb so viele Riester-Verträge registriert mit aktuell rund 16 Millionen Produktabschlüssen aus allen vier Durchführungswegen das Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Mit etwa zwei Drittel des Bestands machen die mehr als 10 Millionen Versicherungen nach wie vor den größten Anteil aus. Angesichts vieler auslaufender Verträge von Neurentnern sinkt nun aber der Bestand an Policen, die der deutsche Staat mit Zulagen und per Sonderausgabenabzug bei der Steuer fördert.
Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft beziffert das dadurch entstandene Minus im Riester-Vertragsbestand 2021 auf 0,5 Prozent. Diesen Fakt nimmt jetzt Britta Langenberg zum Anlass, die positiven Nachrichten vom „Comeback der Riester-Rente“ zu relativieren: „Das Neugeschäft zeugt nur vom Verkaufswillen der Vertriebe. Dagegen springen erfahrene Riester-Versicherte reihenweise ab“, schreibt die ehemaligen Autorin für die Zeitschrift Finanztest jetzt im Sozialen Netzwerk Twitter (siehe unten).
Ende der Riester-Rente gefordert
Mit dem Hashtag #StopptRiester am Ende des Tweets zeigt die heutige Leiterin des Bereich Verbraucherschutz beim Berliner Verein Bürgerbewegung Finanzwende, wo sie die Riester-Rente in Zukunft sieht. Zusammen mit anderen Verbraucherschützern machte sie sich im Bundestagswahlkampf für einen „Neustart für die private Altersvorsorge“ stark. Finanzwende, der Bund der Versicherten und der Verbraucherzentrale Bundesverband forderten in einem gemeinsamen Appell das Ende der Riester-Rente.
Das vermeintliche Comeback der #Riester-Rente in 2021 ist keines. Das Neugeschäft zeugt nur vom Verkaufswillen der Vertriebe. Dagegen springen erfahrene Riester-Versicherte reihenweise ab: Der Vertragsbestand sank in 2021 sogar um 0,5%. #StopptRiesterhttps://t.co/Ny8DDKtvog pic.twitter.com/qbs48Tx7pE
— Finanzwende (@finanzwende) January 31, 2022
Der Koalitionsvertrag der ersten Ampelkoalition auf Bundesebene verspricht zumindest für alle laufenden Vorsorgeverträge einen Bestandsschutz. Für den BVK steht aber fest, dass „kein Weg an einer zusätzlichen privaten Altersvorsorge wie den über die Riester-Rente“ vorbeiführt. Und weiter: „Die Vermittler haben dazu beigetragen, dass sich die Verbraucher weder durch die politische Debatte noch durch Forderungen zur Abschaffung der Riester-Rente durch Verbraucherschützer haben verunsichern lassen.“
Provisionen für Vermittler kritisiert
Verbandspräsident Heinz ist sich beim Ziel einer bald anstehenden Riester-Reform sogar einig mit der Finanzwende-Vorsorgeexpertin: „Damit den Menschen mehr Geld fürs Alter übrig bleibt, muss jetzt umgesteuert werden“, zitiert die Deutsche Presseagentur Langenberg. Denn: „In Deutschland wurde viel zu lange an der Riester-Rente herumgeschraubt, an Kernproblemen wie den hohen Kosten hat sich wenig geändert.“ Schweden zeige mit einem kostengünstigen und staatlich organisierten Angebot, wie es besser gehe.
Beim Weg zum gemeinsamen Ziel sind sie sich also deutlich uneins: „Dass die Verbraucherverbände Versicherungsvermittlernn vorwerfen, die Vorsorgesparer erhielten am Ende weniger Kapital, weil angeblich die Provisionen zu hoch sind, missachtet die bedeutende Rolle der Vermittler für die Altersvorsorge. Auch die Einrichtung eines Staatsfonds nach schwedischem Vorbild wäre keine Lösung, da bekanntermaßen der Staat nicht der bessere Unternehmer ist“, heißt hierzu vom BVK.
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