Die Hände liegen gefaltet auf den überschlagenen Beinen. Ab und an greift Bettina Orlopp kurz an ihren Ring, knetet die Finger leicht. Dann wieder Ruhe. Die Commerzbank-Chefin sitzt an diesem Dienstagmorgen auf der Bühne des OMR-Festivals in Hamburg – und der Übernahmekampf mit Unicredit erreicht just in diesem Moment einen neuen Höhepunkt. Noch während sie spricht, legt das Mailänder Institut das offizielle Übernahmeangebot vor: 0,485 neue Unicredit-Aktien je Commerzbank-Papier, Frist bis 16. Juni.

Orlopp wirkt dennoch nicht so, als würde sie sich davon aus der Ruhe bringen lassen. Ein kleines Lächeln hier und da, die Stimme gleichmäßig, der Blick klar. Nur die Hände erzählen gelegentlich eine andere Geschichte.

„Ganz normaler Abend“

Den Tag zuvor hatten die Unicredit-Aktionäre auf einer außerordentlichen Hauptversammlung mit 99,55 Prozent des vertretenen Kapitals für eine Kapitalerhöhung gestimmt – die Voraussetzung für das Übernahmeangebot. Wie war der Abend?, fragt Moderatorin Katharina Slodczyk vom Manager Magazin. „Eigentlich ganz normal“, sagt Orlopp fast beiläufig.

Lakonischer lässt sich ein historischer Moment kaum kommentieren.

Süffisante Distanz

Beim Thema Unicredit wählt Orlopp ihre Worte mit Bedacht – und mit einer gewissen Süffisanz. Die Kritik der Italiener an Strategie und Profitabilität der Commerzbank sei irritierend, sagt sie. Nach mehr als zehn Gesprächen habe Unicredit ihr Geschäftsmodell und ihre Profitabilität „noch nicht ganz verstanden“. Man arbeite daran, dass das noch passiere.

Das ist kein Angriff. Aber auch keine Verteidigung. Es ist der Tonfall einer Frau, die sich der Stärke ihrer Position sicher ist.

Bettina Orlopp auf der OMR in Hamburg
Bettina Orlopp auf der OMR in Hamburg: sachlich, kontrolliert – und mit gelegentlichem Seitenhieb gegen Unicredit. | Bildquelle: Maria Lentz

Und die Zahlen geben ihr Rückendeckung. 2024 war nach eigenen Angaben das erfolgreichste Jahr der Bank seit Jahren. Die Aufwandsquote sank von über 80 Prozent auf 57 Prozent. Für 2028 peilt die Commerzbank eine Quote von 50 Prozent an – und Orlopp deutet an, dass die neuen Ziele, die sie am 8. Mai vorstellen will, noch ambitionierter ausfallen werden. „Die Analysten trauen uns schon mehr zu“, sagt sie. „Wir werden unsere Ziele natürlich darauf anheben.“

Nahbarkeit als Programm

Orlopp betont auf der Bühne mehrfach, wie wichtig ihr die direkte Verbindung zu Mitarbeitern und Kunden ist. Sie berichtet von ihrem letzten „Management mittendrin“-Einsatz – einem ganzen Tag im Active Defense Centre, der IT-Sicherheitszentrale der Bank. „Sehr spannend“, sagt sie. Und dann, mit einem Lächeln, fast ausgelassen: „Gott sei Dank war nichts los. Die Kollegen waren, glaube ich, auch sehr froh.“

Sie beschreibt, wie sie regelmäßig durch Filialen und Beratungszentren geht, um zu sehen, welche Systeme funktionieren und welche nicht – und was die Kolleginnen und Kollegen wirklich beschäftigt. Will sie damit Vertrauen aufbauen, in einer Belegschaft, die seit Monaten mit Übernahmedrohungen und Stellenabbau-Szenarien konfrontiert wird? Gut möglich. 

Sie sei stolz auf das Team, sagt sie – die Kollegen gäben jeden Tag alles. Und das Thema Unicredit? Das werde man in Frankfurt regeln. Kein Grund zur Sorge also. Alles unter Kontrolle - so das stete Narrativ.

Das Verkrampfen vermeiden

Wenn man CEO einer großen Bank ist, schauen alle auf einen, sagt sie – auch morgens im Aufzug mit dem Kaffeebecher. Deswegen sei es so wichtig, nicht zu verkrampfen. Was hilft? Sport. Kurz auszusteigen. Gespräche. Und das Bewusstsein, dass die Zahlen stimmen und die Kunden zufrieden sind. „Das entspannt dann auch, wenn ich die Kunden treffe und die sagen: Wir finden das prima, was ihr macht.“

Orlopp betont das mehrfach – fast wie ein Mantra: Bei den Kunden stimmt es, bei den Mitarbeitern stimmt es, bei den Zahlen stimmt es. Die Botschaft nach innen wie nach außen ist klar: Diese Bank funktioniert.

Entscheidung liegt bei den Aktionären

Gegen Ende ihres Auftritts formuliert Orlopp einen Satz, der wie eine stille Warnung klingt – an Unicredit, aber vielleicht auch an alle anderen Beteiligten: „Diese Bank gehört den Aktionären, und die werden auch am Ende die Entscheidung treffen.“

Es ist ein Satz, der das Kalkül hinter ihrer Strategie offenbart. Das Management stellt die Optionen transparent dar, sagt sie – aber der Ausgang liegt nicht in ihren Händen. Und Unicredit hat nach ihrer Darstellung bis heute kein Angebot vorgelegt, das eine angemessene Prämie enthält.

Bühne als Kampfmittel

Dieser Übernahmekampf wird nicht nur in Präsentationen und Aufsichtsratssitzungen geführt. Er wird auch über öffentliche Bühnen ausgetragen – über Pressekonferenzen, Investorenpräsentationen und eben Auftritte wie diesen. Unicredit-Chef Andrea Orcel tritt aggressiv auf, kritisiert, provoziert, nutzte Social-Media-Kampagnen – bis die Bafin eingriff und ihm unsachliche Werbung untersagte.

Orlopp wählt den Gegenentwurf. Sachlich, ruhig, kontrolliert. Mit einem latent süffisanten Unterton, wenn es um Unicredit geht. Ob diese Strategie am Ende aufgeht, werden – wie gesagt – die Aktionäre entscheiden. Bis dahin nutzt Bettina Orlopp jede Bühne, die sich bietet – und gibt sich auf ihr alle Mühe, unerschütterlich auszusehen.