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Klimaaktivistin demonstriert in Berlin gegen die Hilfsmaßnahmen der Bundesregierung für die deutsche Autoindustrie: Die Europäische Union hat jüngst ihr Bekenntnis zum Europäischen Grünen Deal bekräftigt; er soll ein Viertel des Konjunkturpakets ausmachen. | © imago images / snapshot Foto: imago images / snapshot

Corona und Umwelt

Was kommt nach der Pandemie?

Stephen Freedman, Senior Produktspezialist im Themenaktien-Team von Pictet AM

Nach und nach findet die Welt aus der Lähmung heraus, zu der sie aufgrund der Ausbreitung des Corona-Virus gezwungen wurde – und die aufgrund der heruntergefahrenen wirtschaftlichen Aktivitäten zur Verbesserung der Umweltqualität in vielen Bereichen beigetragen hat. Dieser willkommene Nebeneffekt der Gesundheits- und Wirtschaftskrise wirft die Frage nach den längerfristigen Auswirkungen der Pandemie auf Umweltbewusstsein, Umweltpolitik und Umweltinvestitionen auf. Dabei gilt es, zwischen kurzfristigen politikgesteuerten Effekten, die wahrscheinlich durchwachsene Ergebnisse liefern, und längerfristigen Effekten, die zu säkularem Triebkräften werden könnten, zu unterscheiden.

Die kurzfristige Entwicklung dürften milliardenschwere Konjunkturpakete bestimmten, die die meisten Länder aufgelegt haben. Was mit diesen Paketen finanziert wird, ist von Bedeutung – und da diese Mittel letztendlich zurückgezahlt werden müssen, haben diese Maßnahmen das Potenzial für wichtige Umverteilungseffekte. Die Ergebnisse werden wahrscheinlich regional spezifisch sein.

Rückschritt in den USA, Bekenntnis zum Grünen Deal in der EU

So scheint sich in den USA der bereits seit 2017 zu beobachtende Rückschritt in der Umweltpolitik auf Bundesebene durch das Konjunkturpaket fortzusetzen. Dies dürfte durch die Politik auf Staatsebene in wichtigen fortschrittlichen Staaten etwas ausgeglichen werden. Die Europäische Union (EU) mit Ursula von der Leyen an der Spitze hat hingegen ihr Bekenntnis zum Europäischen Grünen Deal bekräftigt. Der Green Deal soll ein zentraler Pfeiler der europäischen Konjunkturstrategie sein und ein Viertel des Konjunkturpakets ausmachen. Einzelne Länder schließen sich an, so etwa Frankreich, das eine Erhöhung seiner Subventionen für Elektrofahrzeuge angekündigt hat.

China: Unklarer Kurs

In China zeichnet sich ein weniger klarer Kurs ab. Seit der „Airpocalyse“-Krise 2011/2012, als China wegen massiver Luftverschmutzung in die Schlagzeilen geriet, hat das Land den Umweltschutz zur obersten Priorität seiner Politik erhoben und dabei viele westliche Länder überholt. Es gibt Anzeichen dafür, dass diese Verpflichtung bestehen bleibt, wobei der Umweltschutz weiterhin zu den drei wichtigsten nationalen Aufgaben der chinesischen Regierung gehört. Präsident Xi Jinping hat seit Beginn der Pandemie wiederholt die Entschlossenheit der Zentralregierung betont, Umweltprojekte wie etwa die Trinkwasserverbesserung und die Förderung erneuerbarer Energien zu fördern. Auf der anderen Seite gibt es jedoch Anzeichen dafür, dass sich die Genehmigungen für Kohlekraftwerke seit Anfang des Jahres beschleunigt haben.

Langfristig ist mit einem Bewusstseinswandel zu rechnen

Über einen längerfristigen Zeitraum – sagen wir fünf Jahre – wird die Covid-19-Krise wahrscheinlich zu einem Bewusstseinswandel in Bezug auf Umweltfragen führen, der schließlich ein verändertes Verhalten von Verbrauchern und Unternehmen sowie eine Änderung der Politik mit sich bringen dürfte. In der Tat gibt es Frühindikatoren für mögliche Verschiebungen – etwa die sichtbare Verbesserung der Luftqualität in vielen Städten aufgrund des fehlenden Verkehrs und des reduzierten Energieverbrauchs. Dies macht den Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Aktivität und Umweltqualität für einen breiteren Personenkreis sichtbarer.

Und auch wenn dies nicht für eine Beschränkung der Geschäftstätigkeit spricht, so legt es doch ein breiteres Überdenken der Geschäftsmodelle mit einem stärkeren Fokus auf Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeitskonzepte nahe. Hinzu kommt: Während der Zusammenhang zwischen Luftqualität und Gesundheit seit langem bekannt ist, hat sich die Forschung über den Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und der Schärfe/Mortalitätsrate der Pandemie allmählich herauskristallisiert. Ausgehend von der globalen Gesundheitskrise könnte dies zu einem schlagkräftigen Argument für die Verbesserung der Umweltqualität werden. So bemüht sich beispielsweise die Stadt Mailand bereits um eine Reduzierung der Autonutzung nach der Krise – und zwar auf der Grundlage genau dieser Argumentation.

Impulse für Umdenken bei der Ernährung

Aufgrund des wahrscheinlichen tierischen Ursprungs des SARS-COV-2-Virus hat sich die Diskussion um mögliche Ursachen solcher Zoonosen verstärkt. Ein Blickwinkel ist die Ansicht, dass menschliche Aktivitäten sowie ihre Eingriffe in natürliche Ökosysteme und die daraus resultierende Zerstörung der biologischen Vielfalt die Ursache dafür sein könnten. Aus dieser Sicht macht der engere Kontakt mit Tierarten eine Übertragung von Tieren zu Menschen wahrscheinlicher. Denkbar ist, dass die größere Belastung der natürlichen Ökosysteme auch dazu führen könnte, dass Säugetiere überhaupt erst anfälliger für solche Krankheiten werden. Letztlich könnte die Verbindung zwischen der Massentierhaltung und Covid-19 den Trend einer – weniger ressourcenintensiven – pflanzlichen Ernährung verstärken.

Menschheit erlebt zum ersten Mal die Folgen exponentiellen Wachstums

Angesichts der Pandemie werden große Teile der Weltbevölkerung Zeuge eines exponentiellen Wachstums und seiner Folgen in einem kurzen Zeitrahmen. Die dramatischen Auswirkungen, sobald eine solche exponentielle Kurve an die Grenzen eines Systems stößt – in diesem Fall die Kapazität des Gesundheitssystems – sind für alle sichtbar geworden. Dieselbe Logik gilt für die ökologischen Herausforderungen im Zusammenhang mit der Zunahme des Ressourcenverbrauchs.

Geschärftes Risikobewusstsein wahrscheinlich

Letztlich hat die Krise die Fragilität des Weltwirtschaftssystems deutlich gemacht: Die Fähigkeit der Wirtschafts- und Sozialsysteme, solchen Schocks zu widerstehen, wird in der Wirtschaft und in der öffentlichen Debatte zukünftig unweigerlich im Mittelpunkt stehen. Eine solche Sensibilisierung für Risiken unterstützt das Nachdenken über Absicherungsstrategien: Investitionen in die Belastbarkeit der Umwelt oder in die Eindämmung des Klimawandels dürften die Wahrscheinlichkeit von Extremereignissen verringern.

Umweltfreundliche Transformation der Wirtschaft wird beschleunigt

Schließlich erscheint es schon in diesem frühen Stadium sehr wahrscheinlich, dass die Covid-19-Krise zu einem beschleunigten Tempo der technologischen Entwicklung führen wird – insbesondere in den  Bereichen Digitalisierung, Virtualisierung und Automatisierung. Aus der Perspektive ökologischer Lösungen verheißt dies Gutes: Die neuen Technologien befeuern die Entstehung und das Wachstum von Geschäftsmodellen, die sich auf Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft konzentrieren. Die allgemeine Idee hinter der „Entmaterialisierung“ oder „Virtualisierung“ der Wirtschaft besteht darin, die Abhängigkeit von Atomen durch eine Abhängigkeit von Elektronen zu ersetzen und so eine Entkopplung des Wirtschaftswachstums vom Ressourcenverbrauch zu ermöglichen.

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