Frachtschiff im Hamburger Hafen: Die Corona-Krise trägt zur Entkoppelung der Weltwirtschaft bei, sagt Vermögensverwalter Thoas Wüst. | © imago images / MiS Foto: imago images / MiS

Corona-Virus und Finanzmärkte

Deglobalisierung – Anleger sollten auf internationale Streuung achten

Thomas Wüst
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Wenn die Wall Street hustet, bekommt der Dax eine Lungenentzündung, ist an der Börse ein geflügeltes Wort. In der Vergangenheit sahen sich Marktteilnehmer oft mit der These konfrontiert, dass es durch die stärkere Verflechtung der Märkte im Kontext einer zunehmenden Globalisierung, einer steigenden Vernetzung von Handelssystemen, mehr internationaler Zusammenarbeit und Freihandelszonen zu steigenden Korrelationen an den Finanzmärkten kommen würde – was wiederum ein geringeres Diversifikationspotenzial zur Folge hätte.

Doch immer mehr Manager global agierender Konzerne weisen darauf hin, dass sich Wirtschaftsräume im Gefolge der Coronavirus-Pandemie unterschiedlich entwickeln würden, wie es beispielsweise Siemens-Finanzvorstand Ralf Thomas kürzlich getan hat. Resultieren daraus neue Chancen in der Portfoliokonstruktion?

Wenn in Gütersloh eine Fabrik wegen eines Coronavirus-Ausbruchs zurecht geschlossen oder in Spanien gleich eine ganze Großstadt mit 200.000 Einwohnern unter Quarantäne gestellt wird, dann werden die negativen ökonomischen Folgen vor Ort sofort sichtbar. Was lokal deutlich wird, vollzieht sich in ähnlicher Form auch auf makroökonomischer Ebene. So belegt eine US-Studie zu den Folgen der Spanischen Grippe, dass sich die Wirtschaft in Städten und Regionen schneller erholt hat, die damals harte Anti-Virus-Maßnahmen frühzeitig umgesetzt haben. Volkswirtschaften, die ein gutes Corona-Krisenmanagement aufweisen, haben somit eine bessere Ausgangssituation, um die Coronavirus-Pandemie ökonomisch zu bewältigen, als diejenigen, die immer wieder ihre Wirtschaft durch großflächige „Lockdowns“ ausbremsen müssen, weil sie das Infektionsgeschehen nicht in den Griff bekommen.

Deglobalisierung nimmt Fahrt auf

Verstärkend kommt hinzu, dass globale Logistikketten Corona-bedingt zusammengebrochen sind. Was bringt es einem Wirtschaftsraum, wenn er sein Infektionsgeschehen im Griff hat, die Produktion in einzelnen Branchen aber dennoch nicht wieder hochgefahren werden kann – da Logistikketten weiterhin unterbrochen sind? Ein Effekt, den die Automobilindustrie hierzulande besonders schmerzlich zu spüren bekam. Noch extremer traten negative Effekte in systemisch wichtigen Industrien auf, wenn man, wie bei Arzneimitteln, auf Importe aus Regionen, die sich im „Lockdown“ befanden, angewiesen war. Der daraus resultierende Trend zu einer verstärkten Deglobalisierung wird dazu führen, dass sich ökonomische Entwicklungen noch stärker geografisch unterscheiden.

Fakt ist auch, dass Volkswirtschaften aber auch Branchen anders aus der Corona-Pandemie herauskommen werden, als sie vor der Krise aufgestellt waren. Eine erhöhte Staatsverschuldung, höhere Arbeitslosigkeit, verstärkte Stadtflucht, weniger Reisen und der Trend zur Digitalisierung führen zu Veränderungen, die das Konsumverhalten nachhaltig verändern und sich somit auch auf die Entwicklung von Wirtschafts- und Währungsräumen auswirken. So konnte der Australische Dollar beispielsweise seine Corona-bedingte Abwertung gegenüber dem Euro wieder vollkommen aufholen, während dies der Norwegische Krone wegen des Ölpreisverfalls noch nicht wieder gelungen ist.

Chancen internationaler Streuung nutzen

Wenn Staaten und Unternehmen Produktionsstandorte und Lieferketten künftig international stärker diversifizieren, um sich unabhängiger von lokalen Virusausbrüchen aufzustellen, sollten auch Finanzinvestoren bei ihrer individuellen Portfolioallokation wieder verstärkt auf eine internationale Diversifikation besinnen. Wie ausgeprägt ist die internationale Aufstellung meines Portfolios? In welchen Währungsräumen bin ich investiert? Wie gut bewältigen Wirtschaftsräume die Corona-Krise? Wie nachhaltig sind Branchen, die für eine Volkswirtschaft besondere Bedeutung haben, davon betroffen? Einiges spricht dafür, dass die Korrelationen internationaler Aktienmärkte künftig wieder fallen, was wiederum zu ausgeprägteren Diversifikationseffekten führt. So steckt auch in dieser Krise eine Chance, nämlich die zu einer besseren Diversifikation – in einem international ausgerichteten Portfolio.


Über den Autor:
Thomas Wüst ist Geschäftsführer der Valorvest Vermögensverwaltung in Stuttgart.

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