Corporate Bonds oder Staatsanleihen?

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Unternehmensanleihen oder Staatsanleihen – das fragen sich viele Anleger zurzeit. Sicher: In den vergangenen drei Jahren sind viele Corporates besser gelaufen als Staatsbonds. Sie haben nicht nur von der Zinssenkung profitiert, sondern auch von der Bonitätsverbesserung in Zeiten anziehender Konjunktur. Aber was passiert, wenn im Zuge des nächsten Abschwungs die Ratingagenturen die Bonitäten der Unternehmen herunter stufen?

Ohnehin sind die Spreads, also die Zinsdifferenzen zu anderen Anleihen, gewaltig geschrumpft und historisch ausgesprochen eng. Und hat nicht gerade der Umgang mit Griechenland gezeigt, dass größere Bonitäts-Unterschiede gerechtfertigt sind? Schließlich stemmt sich gerade eine ganze Staatengemeinschaft gegen die Pleite eines Mitgliedes. Wer tut das schon bei Unternehmen (wenn es nicht gerade um systemrelevante Banken geht)?

Sollte man sich also jetzt gegen Unternehmensanleihen entscheiden? Ich meine nein, denn bei genauerem Hinsehen relativieren sich die Argumente gegen Unternehmensanleihen gewaltig.

Staaten haben keine Insolvenzmasse

Was lehrt uns der Fall Griechenland, in dem die Politik scheinbar alles versucht, um die Pleite eines Staates zu verhindern? Für mich bedeutet es, dass die Angst vor einer offenen Zahlungsunfähigkeit eines Euro-Mitgliedes sehr ausgeprägt ist. Tatsächlich könnte der Fall Griechenland verdeutlichen, welches Chaos nach einer ungeordneten Staaten-Insolvenz entstünde.

Ohne Insolvenzordnung kann zum Beispiel kein Staat gezwungen werden, eigenes Vermögen zum Ausgleich der Gläubigerforderungen zu verwenden. Griechenland hat bezeichnenderweise bislang noch nicht einmal seine Goldreserven verkauft und niemand wird es zwingen können, das in Zukunft zu tun.

Das heißt: Im Zweifel gehen Besitzer von Staatsanleihen vollkommen leer aus. Das wird bei Unternehmensanleihen eher nicht passieren, wie gerade der Fall Nortel zeigt. Dabei kommen alle Vermögenswerte unter den Hammer, um Gläubigeransprüche zu befriedigen. Microsoft hat vor wenigen Wochen Nortels Software-Rechte für 4,5 Milliarden Euro gekauft.

Größere Ansteckungsgefahr bei Staaten

Abgesehen davon ist die Ansteckungsgefahr auf der Seite der Staaten derzeit sicher größer als bei Unternehmen. Nehmen wir wieder die Insolvenzordnung: Wenn Griechenland einen Zahlungsausfall proklamiert, ohne an sein Tafelsilber zu müssen, dann wird das das Misstrauen in alle Euro-Schuldner fördern und die Renditen nach oben treiben, also Kursverluste für alle Euroland-Anleihen bedeuten.

Aber auch ohne Insolvenz zeigt das letzte Griechenland-Hilfsprogramm von Ende Juni, dass die Staaten ihr finanzpolitisches Schicksal enger verknüpft haben. Aus Anlegersicht bilden Staatsanleihen damit zunehmend ein Klumpenrisiko. Solche Tendenzen sind im Unternehmenssektor in ähnlicher Weise nur im Bankenbereich zu beobachten.

Bewertungsmaximum nicht erreicht

Zudem fragt sich, ob für Unternehmensanleihen mit den niedrigen Spreads ein Bewertungsmaximum erreicht ist. Warum sollten sich über die bekannten Einzelfälle hinaus zum Beispiel die Spreads nicht verkehren und international gut diversifizierte Unternehmen wie Siemens weniger Zinsen an ihre Gläubiger zahlen müssen als etwa Frankreich? Wenn das denkbar ist, dann haben Unternehmensanleihen noch viel mehr Kurspotenzial als Skeptiker ihnen bislang zubilligen.

Zum Autor: Bernd Hashemian ist Vorstand der Kroos Vermögensverwaltungs AG in Münster und einer der Experten von www.vermoegensprofis.de.

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