Rajiv Jain ist Manager des Vontobel Far East Equity

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Crashtest-Interview Südostasien-Aktienfonds

Herr Jain, ist Indien das neue China?

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DER FONDS: Sie sind mit mehr als einem Drittel Ihres Portfolios in Indien investiert. Was gefällt Ihnen an diesem Land?

Rajiv Jain: Wir wählen unsere Aktienanlagen nach Bottom-up-Kriterien aus. Mit Blick auf unseren Anlagestil bietet Indien zurzeit mehr investierbare Unternehmen als alle anderen asiatischen Märkte. Wir glauben darüber hinaus, dass Indien für Aktienanleger im Allgemeinen eine bessere Gewaltentrennung bietet als Russland oder China. Das Obergericht in Bombay hat beispielsweise vor kurzem in einem viel beachteten Steuerstreit zugunsten von Royal Dutch Shell und gegen die indischen Behörden entschieden. Ein derartiges Urteil wäre in China oder Russland unwahrscheinlich, und Unternehmen würden dort in einem solchen Fall wohl eher nicht vor Gericht ziehen.

Ist Indien das neue China?

Solche Erwartungen sind unseres Erachtens eher unrealistisch. Die beiden Länder verfügen über völlig verschiedene Systeme. Aus Aktionärssicht ist es sogar begrüßenswert, dass Indien China nicht allzu ähnlich ist! Ein Vergleich der beiden Länder zeigt beispielsweise, dass mit indischen Aktien in den vergangenen 25 Jahren deutlich bessere Renditen zu erzielen waren als mit chinesischen Aktien.

Geht die 2014 in Bombay gestartete Rally weiter?

Im Gegensatz zur Panik des vergangenen Sommers, die am indischen Aktienmarkt massive Verluste zur Folge hatte, sind die Anleger unserer Meinung nach heute in Bezug auf Indien kurzfristig etwas zu zuversichtlich. Wir haben schon immer den Standpunkt vertreten, dass Indien, Thailand und Indonesien zu den Märkten gehören, die weder zu optimistisch noch zu pessimistisch beurteilt werden sollten. Die Systeme dieser Länder werden sich nicht so schnell verändern, wie das gemeinhin oft gewünscht wird. Positiver ausgedrückt gilt aber auch, dass sie nicht so schnell in einen freien Fall übergehen werden, wie Anleger oft befürchten.

Haben Sie ein Beispiel für ein aussichtsreiches Unternehmen?

Viel Potenzial sehen wir beispielsweise für das Tabakunternehmen ITC. Sein Erfolg basiert nicht auf Volumenwachstum, sondern auf einer hohen Preismacht. Obwohl der Konsum von Zigaretten in Indien nur sehr langsam wächst, ist deshalb ein Gewinnwachstum im Bereich von 15 Prozent durchaus realistisch. Ein weiteres interessantes Unternehmen ist in unseren Augen Sun Pharmaceuticals. Der Pharmakonzern hat auf beeindruckende Art und Weise demonstriert, wie ein indisches Unternehmen zuerst im Heimatmarkt wachsen und dann mittels umsichtiger Akquisitionen in die USA expandieren kann. Wir glauben, dass das Unternehmen über viel Spielraum für künftiges Wachstum verfügt.

Das Wirtschaftswachstum Chinas hat sich abgekühlt. Kann das Land seine Probleme lösen?

Die Wachstumsabkühlung in China hat uns nicht überrascht. Tatsächlich sprechen wir bereits seit über fünf Jahren davon. Die Treiber des chinesischen Wachstums sind viel schwächer, als die Anleger vielleicht glauben. Der Immobilienmarkt schwächt sich substanziell ab, und das Banksystem kämpft mit notleidenden Krediten in bedeutendem Umfang, was die bisherigen Marktdaten nicht ausreichend reflektieren. Wir waren in China äußerst zurückhaltend, glauben nun aber, dass das Land seine Probleme auf lange Sicht wird lösen können. Angesichts unserer früheren Skepsis ist dies für uns ein ziemlicher Meinungsumschwung.

Wo sehen Sie Chancen in China?

Wir haben das Land in den vergangenen fünf, sechs Jahren eingehend analysiert und sind der Ansicht, dass seine Aktienmärkte heute mehr investierbare Gelegenheiten bieten als früher. Allerdings konzentrieren wir uns weitgehend auf Internetunternehmen, Glückspielanbieter in Macau und einige Hersteller von Basiskonsumgütern. Wir haben in China keine Positionen in den Sektoren Banken, Versicherungen, Immobilien, Industrie, Versorgung und Energie. Und wir werden in absehbarer Zukunft wohl auch keine entsprechenden Beteiligungen eingehen. Wir bleiben also vorsichtig.

Chinesische Aktien gelten als günstig. Teilen Sie diese Einschätzung nicht?

Für gewisse Marktnischen gilt das durchaus. Doch an einem großen Teil von Chinas Aktienmarkt sind wir nicht interessiert. Und wo wir Interesse zeigen, handelt es sich möglicherweise nicht um die billigsten Segmente, weil tiefe Bewertungskennzahlen in Ländern wie China oder Russland täuschen können. Nicht ohne Grund bezeichnete ein Beitrag in der „Financial Times“ Russland kürzlich als “Friedhof für einstellige Kurs-Gewinn-Verhältnisse”.

Welche weiteren asiatischen Schwellenmärkte bieten Chancen?

Wir empfehlen zwar keine individuellen Märkte, haben aber in Indonesien zahlreiche spannende Titel identifiziert. Zudem haben wir Anlagechancen in Thailand und Malaysia sowie – in geringerem Ausmaß – in Korea und Taiwan gefunden.

Welche Rolle spielen australische Aktien in Ihrem Fonds?

Wir halten dort zwar einige Unternehmen aus dem Gesundheitssektor, haben das Land aber ansonsten ziemlich untergewichtet. Bank-, Rohstoff- und Industriewerte sind nicht unbedingt günstig bewertet, zudem ist der Boom im Rohstoffsektor vorüber. Vor diesem Hintergrund wird der Australische Dollar unter Druck bleiben, was entscheidend dazu beitragen wird, Australien wieder wettbewerbsfähig zu machen. Bis es soweit ist, halten wir allerdings anderswo nach Gelegenheiten Ausschau.

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