Patrick Lemmens (Gastautor)Lesedauer: 4 Minuten

Fintech-Profi von Robeco Cyber-Sicherheit ist auch interessantes Anlagethema

Computerhacker am Arbeiten
Ein Hacker bei der Arbeit am Bildschirm: Robeco-Portfoliomanager Patrick Lemmens sieht Unternehmen in der Pflicht, weiter in die Infrastruktur für Cyber-Sicherheit zu investieren – besonders Finanzdienstleister. | Foto: imago images / Westend61

Die Coronavirus-Pandemie war für Hacker ein Segen. Da weite Teile der Wirtschaft abrupt online gehen mussten, florierte die Cyber-Kriminalität. Nicht weniger als 30 Milliarden Datensätze wurden im Jahr 2020 gestohlen – mehr, als in den vorangegangenen 15 Jahren zusammen wie Statistiken zeigen.1

Auch die weltweiten finanziellen Verluste infolge von Cyber-Kriminalität stiegen im Jahr 2020 stark an, auf schätzungsweise 945 Milliarden US-Dollar (siehe Grafik 1)2. Das geht aus einem Ende letzten Jahres vom US-amerikanischen Thinktank Center for Strategic and International Studies (CSIS) und dem Computersicherheitsspezialisten McAfee veröffentlichtem Bericht hervor.

Gesamtkosten der Cyber-Kriminalität liegen bei rund 1,1 Billionen US-Dollar weltweit

Die globalen Ausgaben für Cyber-Sicherheit haben schätzungsweise die Schwelle von 145 Milliarden US-Dollar überschritten. Damit liegen die Gesamtkosten der Cyber-Kriminalität bei etwa 1,1 Billionen US-Dollar weltweit – das entspricht 1,3 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung.

Diese neue Schätzung implizierte einen Anstieg um mehr als 50 Prozent gegenüber der vorherigen, die von CSIS und McAfee für das Jahr 2018 abgegeben worden war. Nach Aussage der Verfasser ist dieser Anstieg zum Teil auf eine bessere Berichterstattung zurückzuführen. Sie wiesen jedoch auch darauf hin dass die Cyber-Kriminalität selbst unter Berücksichtigung dieses Aspekts eindeutig weiter rasant wächst: Die Cyber-Kriminalität würde steigen, weil sie sich lohne, es ihr oft leicht gemacht werde und das Risiko für Cyber-Kriminelle oft niedrig sei.

Cyber-Sicherheit ist für Finanzdienstleistungsbranche elementar

Die Coronavirus-Krise hat unsere Abhängigkeit vom Cyberspace drastisch erhöht. Und das könnte auch so bleiben, wenn die Pandemie ausläuft und die Menschen zunehmend wieder zu ihren alten Gewohnheiten zurückkehren. Das bedeutet: Unternehmen müssen weiterhin in Infrastruktur für Cyber-Sicherheit investieren, insbesondere in der Finanzdienstleistungsbranche.

In einem Report vom letzten August warnte Interpol vor der alarmierenden Rate von Cyberattacken in den ersten vier Monaten des Jahres 2020, als weltweit strenge Lockdowns verhängt wurden. Wichtig ist vor allem, dass Interpol auch einen weiteren Anstieg der Cyber-Kriminalität in der nahen Zukunft für sehr wahrscheinlich hält, da strukturelle Trends wie die Zunahme des Online-Handels und das Arbeiten von zu Hause aus anhalten.

In diesem Zusammenhang dürften die Budgets für Cyber-Sicherheit weiter steigen. Auch wenn ein laufender Geschäftsbetrieb und die Produktivität der Mitarbeiter während der Pandemie eine höhere Priorität als Sicherheit besaßen, entwickelten sich die Investitionen in Cyber-Sicherheit 2020 immer noch besser als in anderen Segmenten der IT-Branche. Sie stiegen nach Angaben von Canalys um 10 Prozent auf 53 Milliarden US-Dollar an. Das Analyseunternehmen für die Technologiebranche geht davon aus, dass der aktuelle Trend in der nahen Zukunft anhält. Konkret erwartet es im Jahr 2021 einen Anstieg der Investitionen in Cyber-Sicherheit zwischen etwa 6,6 bis 10 Prozent. Die Ausgaben für Sicherheitstechnologien in den Bereichen Internet und E-Mail dürften sich am dynamischsten entwickeln.

Was bedeutet das für Anleger?

Aus Investorensicht stellt der steile Anstieg der Cyber-Kriminalität eine Bedrohung für die Unternehmen dar, an denen sie beteiligt sind. Zugleich eröffnet dies aber auch die Chance in Gesellschaften zu investieren, die Lösungen zur Bewältigung dieser wachsenden Herausforderungen anbieten. Besonders relevant ist dies für die Finanzbranche, da Cyber-Kriminelle diesen Sektor naturgemäß besonders attraktiv finden. Wer in der Finanzwelt das Problem der Cyber-Sicherheit nicht in den Griff bekommt, wird schlicht untergehen.

Das wachsende Interesse an Investments im Bereich Cyber-Sicherheit ist bereits bei den Mittelzuflüssen beim Aktien-Wagniskapital zu beobachten. Nach Angaben der Research- und Analysefirma CB Insights erreichte die Bereitstellung von Finanzierungsmitteln für Cyber-Sicherheit im Jahr 2020 ein Allzeithoch von 11,4 Milliarden US-Dollar – das ist ein Anstieg um fast 50 Prozent gegenüber 2018. Die sich rapide entwickelnde Cyber-Kriminalität und die beschleunigte Verbreitung von Cloud-Computing waren die wichtigsten treibenden Kräfte hinter diesem Anstieg.

Die steigende Nachfrage nach Cyber-Sicherheitslösungen ist eine der Entwicklungen, die wir im Rahmen unserer FinTech- und New World Financials-Aktienstrategien sehr genau verfolgen. Zugegebenermaßen ist es nicht einfach, Firmen im Bereich Cyber-Sicherheit zu finden, die sowohl für den Finanzsektor relevant als auch aus Anlegerperspektive interessant sind. Zum einen ist die Auswahl möglicher Unternehmen nach wie vor begrenzt. Zum anderen entwickeln sich das geschäftliche Wachstum und die Aktienkurse nicht immer parallel. Deshalb ist es äußerst wichtig, die (relative) Bewertung im Blick zu behalten. Wir gehen aber davon aus, dass die potenziellen Erträge den Aufwand lohnen. Daher sind börsennotierte Unternehmen, die Dienstleistungen wie etwa Bezahlschutz anbieten, mittlerweile fester Bestandteil unseres Anlageuniversums.

1 Canalys, „Now and next for the cybersecurity industry”, Sonderreport, März 2021.
2 J.A. Lewis, Z. Malekos Smith und E. Lostri, „The Hidden Costs of Cybercrime”, Report von CSIS-McAfee, Dezember 2020.

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