Gerd Kommer und Felix Großmann Darum werden die meisten Menschen nicht reich

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Einer der lesenswertesten Finanzratgeberbuchautoren, William Bernstein, hat diesen Sachverhalt einmal schön prägnant formuliert: „Der Sinn von Investieren [für Privathaushalte] besteht nicht darin, reich zu werden, sondern nicht arm zu sterben“. Geld in Aktien anlegen ist zwar keine Route zu Reichtum, aber dennoch der beste Weg, seine Vermögensbildung und Altersvorsorge zu organisieren.

In Deutschland besitzen – und das ist im Grunde genommen eine Tragödie – nur rund 10 Prozent aller Haushalte überhaupt Aktien. In der ärmeren Hälfte der Bevölkerung liegt dieser Prozentsatz nahe bei null. Jeder Angestellte jenseits des 30. Lebensjahrs, der kein Vermögen über den kreditfinanzierten Erwerb einer selbstgenutzte Wohnimmobilie bilden kann oder will, ist gut beraten, sich in die elitäre Minderheit der Aktienbesitzer einzureihen. Mit ETFs auf Buy-and-Hold-Basis ist das bei günstigen Online-Brokern schon ab 25 Euro im Monat möglich.

Zu Frage 3: Wenn nicht über die Börse oder über Immobilien, wie kann man denn sonst reich werden?

Auch hier liefert ein Blick in die Reichtumsforschung die Antwort und die lautet „im Wesentlichen nur durch unternehmerische Tätigkeit“. Nachzulesen beispielsweise bei den  Autoren Zitelmann 2017, Stanley/Stanley Fallaw 2018, Zitelmann 2020a/2020b und Lauterbach 2020. Eines der seltenen hierzu gelungenen Ratgeberbücher ist Dennis 2007 (siehe Literaturangaben am Ende des Artikels).

Unternehmerische Tätigkeit ist jedenfalls dann die einzige nicht wirklichkeitsfremde Route zu Reichtum, wenn man drei andere Reich-werden-Routen ausnimmt: (a) Nennenswertes Vermögen erben, (b) reich heiraten und (c) den Jackpot beim Lotto gewinnen. Es ist erstaunlich, dass diese interessante, aber auch triviale Erkenntnis vom Unternehmertum als einzigem realistischen Weg zum echten reich werden unter Privatanlegern so wenig bekannt zu sein scheint.

Ganz peinlich wird es, wenn diejenigen, die Bücher, Seminare, Blog-Beiträge, Artikel oder YouTube-Videos über reich werden publizieren, diesen empirisch belegten, sachlogisch nahezu selbstverständlichen und in jedermanns persönlichen Umfeld unmittelbar beobachtbaren Sachverhalt in eben diesen Publikationen noch nicht einmal am Rande erwähnen, sondern weiterhin die Fabel verbreiten, jeder könne mit Nebenerwerbsspekulation am Kapitalmarkt reich werden.

Das gilt übrigens ebenso für den Immobiliensektor. Da wird in schon lange nicht mehr zählbaren Reich-werden-mit-Immobilien-Büchern und -Seminaren der entscheidende Grundsachverhalt regelmäßig übergangen: Es existiert sehr wenig Evidenz dafür, dass private Immobilienanleger mit unter etwa drei Wohneinheiten systematisch reich werden und attraktive Eigenkapitalrenditen erzielen. Dagegen existiert beträchtliche Evidenz für das Gegenteil (für Renditen selbst genutzter Immobilien siehe unser Blog-Beitrag „Die Rendite von Investments in Immobilien“ vom Oktober 2018).

Damit eine Investition in Immobilien ex ante ökonomisch interessant wird, braucht es ein Volumen von etwa fünf Wohneinheiten oder mehr (zur Attraktivität von vermieteten Immobilien haben wir im Oktober 2019 den Blog-Beitrag „Sind Vermietungsimmobilien attraktive Vermögensanlagen“ veröffentlicht). Die kann man aber nicht mehr nebenberuflich verwalten, schon gar nicht, wenn Neubau- oder Renovierungstätigkeit involviert ist. Solche Akteure sind dann in erster Linie Unternehmer, die zufälligerweise in der Immobilienbranche unterwegs sind. Wer von ihnen wirklich reich geworden ist, wurde das primär aufgrund seiner Unternehmereigenschaft und nur sekundär aufgrund des Immobilienaspekts.

Das ist derzeit vielleicht schwerer zu erkennen als sonst, weil in den vergangenen elf Jahren bei Wohnimmobilien in den DACH-Ländern eine historische Ausnahmekonstellation bestand: Stark steigende Preise in der Asset-Klasse Wohnimmobilien in Kombination mit deutlich fallenden Zinsen. Diese seltene Entwicklung wird sich in den nächsten elf oder 20 Jahren so nicht wiederholen. Dafür sind die Immobilienbewertungen in den DACH-Ländern inzwischen viel zu hoch und die Zinsen viel zu niedrig.

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