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Untersuchung beim Kinderarzt Foto: imago images / Cavan Images

Boom bei Gesundheitsaktien

Das Gesundheitssystem als Wettbewerbsfaktor

Ein globaler Trend, den Covid-19 erst ins Bewusstsein gerückt hat, ist die Qualität des Gesundheitssystems als Wettbewerbsfaktor. Bereits in der frühen Phase Anfang 2020, als viele noch an eine regional begrenzte Virusepidemie glaubten, geriet das Gesundheitssystem in der 11-Millionen-Stadt Wuhan und der umgebenden Provinz Hubei mit rund 60 Millionen Menschen an seine Grenzen und darüber hinaus. Während China es aber schaffte, innerhalb von zwei Wochen riesige Pop-up-Krankenhäuser zu bauen und nur wenig später auch die Produktion von Beatmungsgeräten hochzufahren, scheiterten andere Länder an genau diesen Engpässen. Hohe Zahlen von Covid-19-Opfern in kürzester Zeit und die Notwendigkeit des „Triagierens“ von Patienten, also die Priorisierung medizinischer Hilfeleistung, waren dort die Folge.

Dabei ist die Zahl der Intensivbetten, auch hierzulande oft als Grund für die relativ niedrige deutsche Fallsterblichkeit genannt, nur einer der Faktoren, welche die Qualität des Gesundheitssystems ausmachen. Wie die vorstehende Grafik zeigt, gibt es tatsächlich keinen signifikanten Zusammenhang zwischen der Zahl der Betten auf Intensivstationen und den Covid-19-Todeszahlen in Relation zur Bevölkerung. Vielmehr scheint im Fall der Corona-Pandemie auch und gerade die Verfügbarkeit hoher Zahlen an Test-Kits eine entscheidende Rolle zu spielen, in Verbindung mit der personellen (nachstehende Grafik) und technischen Ausstattung der Krankenhäuser.

Viele Länder haben die Bedeutung des Gesundheitssystems erkannt. Im CARES-Programm der US-Regierung spielt die bessere Ausstattung von Krankenhäusern ebenso eine wichtige Rolle wie im Wiederaufbaufonds der EU-Kommission. In Deutschland hat die Bundesregierung im Rahmen der Corona-Konjunkturhilfen das „Zukunftsprogramm Krankenhäuser“ mit einem Umfang von 3 Milliarden Euro auf den Weg gebracht. Darin sollen „notwendige Investitionen gefördert werden, sowohl moderne Notfallkapazitäten (räumlich wie in der investiven Ausstattung), als auch eine bessere digitale Infrastruktur der Häuser zur besseren (internen und auch sektorenübergreifenden) Versorgung, Ablauforganisation, Kommunikation, Telemedizin, Robotik, Hightechmedizin und Dokumentation“.

Eine weitere Milliarde Euro wird eingeplant für die inländische Produktion und Bevorratung an Impf- und Wirkstoffen sowie medizinischer Schutzausrüstung. Es ist unwahrscheinlich, dass ohne die Katalysatorwirkung der Covid-19-Pandemie derartige Anstrengungen unternommen worden wären.

Hohe Standards ziehen Sach- und Humankapital an

Die Qualität des Gesundheitssystems ist somit ins Blickfeld gerückt als wichtiger Faktor im Wettbewerb um robustere Wirtschaftsstrukturen und den Zustrom von Sach- und Humankapital. Gleichermaßen gilt sie noch stärker als zuvor als Garant einer hohen Lebensqualität.

Der Trend, mehr in das Gesundheitssystem zu investieren, dürfte eher langfristig sein. Er dürfte also die 2020er Jahre vermutlich überdauern. Für Unternehmen, von Krankenhausbetreibern bis zu forschenden Pharmaunternehmen, sind das hervorragende Nachrichten. Aktien gut aufgestellter Firmen mit soliden Bilanzen sollten deshalb eine hohe Portfoliogewichtung auch in solchen Phasen behalten, in denen wegen anziehender Konjunktur der als defensiv geltende Gesundheitssektor traditionell eher untergewichtet wird.

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