Didier Saint-George von der Fondsboutique Carmignac Gestion

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„Das langsame US-Wachstum hat seine Vorteile“

Die Normalisierung der Geldpolitik

Das dritte Quartal dieses Jahres wurde von einer neuen Kehrtwende der US‐Notenbank geprägt. Nachdem die Federal Reserve (Fed) vor dem Sommer ihre Absicht angekündigt hatte, die geldpolitische Unterstützung auslaufen zu lassen, beschloss sie am 18. September letztendlich, einstweilen von dieser Maßnahme Abstand zu nehmen.

Der Aufschub der geldpolitischen Normalisierung ist wohl auf die nur sehr zögerliche Verbesserung der Lage in den USA zurückzuführen, vor allem was den Konsum der Privathaushalte und die Investitionen betrifft. Diese Faktoren sowie die niedrige Inflationsrate dürften die US-Währungshüter veranlassen, ihre akkommodierende Geldpolitik in sehr kleinen Schritten zu drosseln.

Für die neue Fed-Chefin Janet Yellen heißt es nun, die Sorgen um die schwächelnde Erholung und die Notwendigkeit, die reichlich vorhandene Liquidität möglichst rasch abzuschöpfen, auf einen Nenner zu bringen.

Langsames US-Wirtschaftswachstum wegen der „Zinsen am langen Ende“

Falls das US-Wirtschaftswachstum moderat bleibt, könnten die übertriebenen Reaktionen der Anleihenmärkte auf Konjunkturschwankungen und die kaum vorhersehbaren Maßnahmen der US- Notenbank die Sicht auf die künftigen Entwicklungen behindern. Der US-Staatsanleihenmarkt reagiert so sensibel auf die kleinste Konjunkturerholung, dass jegliche Verbesserung der Wirtschaftsdaten die Zinsen überdurchschnittlich in die Höhe schnellen lassen könnte.

Der Höhenflug der Nominalzinsen, der in dieser Konjunkturphase nicht von einem Anstieg der Teuerung begleitet ist (die Kerninflation liegt bei 1,25 Prozent), führt zu einer entsprechenden Erhöhung der Realzinsen, die wiederum den Konjunkturaufschwung dämpfen könnte.

Vorteile des schwachen Wachstums

Aufgrund der niedrigen Zinsen fördert diese Lage einen Wohlstandseffekt, der seit 2009 über den Aufschwung des Immobilienmarkts und die Erholung der Börse ein positives Wirtschaftswachstum sowie den Abbau der Gesamtverschuldung der USA ermöglichte.

Seit 2009 sind die Schulden von 370 Prozent auf 345 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) gesunken, während die Schulden der Privathaushalte gemessen am verfügbaren Einkommen von 135 Prozent auf 107 Prozent zurückgegangen sind. Seit der Krise im Jahr 2008 ist das keinem anderen Industriestaat als den USA gelungen.

Positives aus den Schwellenländern

Der Aufschub der geldpolitischen Normalisierung in den USA sowie die sich erholende chinesische Konjunktur haben die Aussichten der Schwellenländer insgesamt erhellt. In den vergangenen drei Monaten verbesserten sich die Frühindikatoren der Industrie, die Industrieproduktion selbst sowie die Kreditvergabe in China. Zudem dürfte der 18. Kongress der kommunistischen Partei im November umfassende Reformen beschließen, die eine klarere Sicht auf die künftige Entwicklung ermöglichen sollten.

Im Großen und Ganzen hat der Druck auf die Schwellenländer nachgelassen, aber die drohende Drosselung der geldpolitischen Unterstützung beeinträchtigt die Aussichten der Anleger in Ländern mit einem Leistungsbilanzdefizit.

Beeindruckendes aus Südeuropa

Europa setzt die Normalisierung fort, die in den vergangenen Monaten vom kräftigen Handelsbilanzüberschuss Deutschlands und der überraschenden Sanierung der Leistungsbilanz der großen südeuropäischen Länder angetrieben wird.

Spanien, Portugal und in einem geringeren Maß Italien können sich nun auf ein Aufschwungspotenzial stützen, das von der Nachfrage aus dem Ausland getragen wird. Strukturell stehen diese Länder allerdings noch auf schwachen Beinen. Jegliche Verlangsamung des Außenhandels könnte eine ernste Gefahr für ihr Wachstum darstellen.

Japan fortgesetzte Reflationspolitik

In Japan führten die Reflationsmaßnahmen zu den ersten positiven Ergebnissen. Die jährliche Inflation liegt knapp unter ein Prozent (die höchste Rate seit fünf Jahren), während die Teuerung in den vergangenen sechs Monaten auf das Jahr hochgerechnet bereits mehr als 2 Prozent beträgt.

Das Stimmungsbarometer der großen Industrieunternehmen (Tankan-Bericht) liegt wieder auf dem Niveau vor 2008 und der Rückgang der realen Zinsen trägt zum Konjunkturaufschwung bei. Die Märkte warten allerdings ungeduldig auf nähere Informationen zu den vom Kabinett von Premier Shinzo Abe versprochenen Strukturreformen in Bezug auf die Besteuerung der Unternehmen, die Liberalisierung des Arbeitsmarkts und die Anreize zu Lohn- und Gehaltserhöhungen.

Dass die Politiker, Währungshüter und Arbeitgeberverbände diese für das japanische Wachstum so entscheidenden Themen Hand in Hand angehen, stimmt uns optimistisch. Wir sind zuversichtlich, dass die Reflation der japanischen Wirtschaft erfolgreich ist und üben uns in vorsichtiger, aber wohlwollender Geduld.   

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