Das Mysterium des Euro-Wechselkurses

Martin Hüfner, Chefvolkswirt bei Assénagon

Martin Hüfner, Chefvolkswirt bei Assénagon

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Alle reden über die Eurokrise – nur einer nicht. Das ist ausgerechnet der Devisenmarkt. Hier herrscht seit Beginn der Schwierigkeiten in der Währungsunion Anfang 2010 nach wie vor „business as usual“ (frei übersetzt: weitermachen wie bisher).

Der Wechselkurs hält sich – wie die Grafik zeigt – in einer engen Bandbreite von 1,20 bis 1,40 US-Dollar je Euro. Als sich die Spannungen zuletzt mit den Schwierigkeiten in Italien und Spanien und den Wahlen in Frankreich und Griechenland verschärften, wurden die Bewegungen nicht größer, sondern eher kleiner.   

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Auch längerfristig ist an der Wechselkursentwicklung nichts von Krise zu sehen. Wenn man sich den Kursverlauf seit Einführung der Gemeinschaftswährung 1999 anschaut, dann fällt nur eines auf: Der Wechselkurs geht jetzt nicht mehr nach oben, wie das bis 2008 der Fall war. Er bewegt sich eher seitwärts. Er fällt aber nicht. Der Euro ist nicht schwach. Er liegt absolut gesehen noch über der Kaufkraftparität (rund 1,20 Dollar je Euro).  

Diese Entwicklung passt so gar nicht in die üblichen Vorstellungen der Devisenmarktanalyse. Wer all die Spannungen in der Währungsunion vorhergesehen hätte, der hätte den Euro eher bei der Parität zum Dollar erwartet, vielleicht sogar noch tiefer (etwa bei den 0,80 Dollar, die in den Jahren 1999 bis 2002 erreicht worden waren).  

Worauf ist die Widerstandsfähigkeit des Euros zurückzuführen?


Manche sagen, es liege nicht an der Stärke des Euros, sondern an der Schwäche des US-Dollars. Tatsächlich hat sich die Gemeinschaftswährung gegenüber dem Schweizer Franken und dem Britischen Pfund während der Krise abgewertet.

Andererseits ist der Dollar fundamental keineswegs schwach. Die Konjunktur läuft in den Vereinigten Staaten besser als in Europa. Auch die Aktienkurse sind nicht so schlecht. Wo die Amerikaner Defizite haben, sind die etwas niedrigeren Zinsen, das nach wie vor bestehende Leistungsbilanzdefizit, die hohe Staatsverschuldung, die Arbeitslosigkeit und die Skepsis der Märkte gegenüber den beiden Präsidentschaftskandidaten.

All das ist aber nichts, was die immensen Spannungen in der Währungsunion aufwiegen könnte.  Der Grund für die Widerstandsfähigkeit des Euros liegt woanders. Internationale Investoren haben jedenfalls im Hinblick auf den Wechselkurs keine Angst vor der Eurokrise. Sie würden nicht zwangsläufig Geld verlieren, wenn der Euro zusammenbricht.

Für sie ist weniger wichtig, was mit dem Euro passiert, sondern ob sie innerhalb der Währungsunion auf der richtigen Seite sind. Wenn sie beispielsweise Papiere der Peripherieländer besitzen, droht ihnen eventuell eine Abwertung. Wenn sie dagegen Bundesanleihen in ihrem Portefeuille haben, würden sie bei einem Ende des Euro von einer Aufwertung der dann neuen deutschen Währung profitieren.  Wer richtig positioniert ist, kann daher an den Devisenmärkten sogar von der Krise profitieren.

Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass der Euro durch die Krise fester wird. Nach dem Motto "je mehr Krise umso stärker der Euro". Das wäre übertrieben. Er verliert jedoch nicht. Ich habe das Phänomen vor einem Jahr das "Euro-Paradox" genannt. Es wirkt noch immer.