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Ralph Gasser, Julius Bär

Ralph Gasser, Julius Bär

"Das Trauma der Anleger ist sehr tief"

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DAS INVESTMENT.com: In einem Bericht über Anleihen schreiben Sie von einem funktionsgestörten Markt. Geben Sie dafür bitte ein Beispiel. Ralph Gasser: Im vergangenen Jahr notierten inflationsgeschützte US-Staatsanleihen im Nachgang zur Lehman-Pleite auf einem völlig irrationalen Niveau. Es unterstellte, dass in den USA die Verbraucherpreise zwei Jahre lang pro Jahr um 7 Prozent zurückgehen. Eine Annahme fernab jeglicher Realitäten. Und es gibt noch jede Menge weiterer solcher Beispiele. DAS INVESTMENT.com: Wie können intelligente Menschen mit jeder Menge toller Technik so ein Chaos produzieren? Gasser: Es hat weniger mit Intelligenz zu tun als mit Emotionen. Im vergangenen Herbst hat sich bei Marktteilnehmern eine Art Armageddon-Mentalität verbreitet. Alle suchten nur noch die Flucht in Qualität und wollten raus aus jeglicher Form von Risiko. DAS INVESTMENT.com: So richtig logisch ist das nicht. Gasser: Um Logik geht es hier auch nicht mehr. Im vergangenen Jahr konnten Sie beispielsweise die meisten Bücher über Kapitalmarkttheorie wegwerfen. Denn vieles, was darin als unmöglich bezeichnet wurde, ist eingetreten. Es bildeten sich Abwärtsspiralen aus Verkaufsdruck und Panik. DAS INVESTMENT.com: Aber niemand wurde gezwungen zu verkaufen. Gasser: In gewissen Fällen schon. Anleger, die ihre Investments fremdfinanziert hatten, mussten ihre Kredite tilgen, weil die Anleger oder Finanzierer das Geld zurück forderten. Viele Fonds wurden auch zu Zwangsverkäufern, weil sie immer noch tägliche Liquidität anboten. Einer unserer Rentenfonds ist deshalb innerhalb von zwei Monaten von 5 Milliarden Euro auf die Hälfte geschrumpft. Er war noch geöffnet, während gewisse Konkurrenzprodukte Rücknahmen aussetzten. DAS INVESTMENT.com: Hätten Sie ihn doch auch einfach zugemacht. Gasser: Wir wollten den Image-Schaden vermeiden, den das längerfristig angerichtet hätte. DAS INVESTMENT.com: Und nun? Gasser: Der Markt beruhigt sich inzwischen etwas. Wir nähern uns den rational erklärbaren Preisen langsam an, sind aber noch weit entfernt. Aber allein die Unsicherheit über die künftige Wirtschaftsentwicklung macht es schwierig, überhaupt vernünftige Bewertungen abschließend zu ermitteln. Wir befinden uns in vielerlei Hinsicht in unbekannten Gewässern. DAS INVESTMENT.com: Aber die Kurse für Hochzins- und normale Unternehmensanleihen haben im April kräftig angezogen. Das wirkt solide. Gasser: Das Trauma der Anleger ist sehr tief. Jede kleine negative Nachricht kann und wird Rückschläge erzeugen. Ich glaube, der Markt wird sich sehr langsam und in Wellen normalisieren. DAS INVESTMENT.com: Hatten Sie eigentlich im vergangenen Jahr auch Panik? Gasser: Ganz ehrlich? Ja. DAS INVESTMENT.com: Wann? Gasser: Ich glaube, das war im Oktober kurz nach der Pleite von Lehman Brothers. Da konnte ich auch Bekannten, Verwandten und Kunden einfach nicht mehr rational erklären, was am Markt passiert. Das ist dann so eine innere Kapitulation, die einen erfasst. DAS INVESTMENT.com: Aber jetzt sind Sie wieder gefasst. Gasser: Richtig. Und ich sehe jetzt das Ermutigende an der Krise. DAS INVESTMENT.com: Das wäre? Gasser: Die vielen ausgezeichneten Anlagemöglichkeiten, die wir jetzt wieder vor der Haustür finden. In den USA bekommen Sie beispielsweise Anleihen von Hausbau-Unternehmen für 30 Cent je Dollar Nominalwert. Dies würde implizieren, dass das Unternehmen kurz vor der Insolvenz steht. In der Realität verdient das Unternehmen aber immer noch gutes Geld. Der Markt hat überall Extrempunkte erreicht, die noch weitgehend abgekoppelt sind von fundamental gerechtfertigten Bewertungen. DAS INVESTMENT.com: Wie lässt sich das am Besten nutzen? Gasser: Wir mögen unter anderem Hochzinsanleihen. Hier sind die eingepreisten Annahmen dermaßen negativ, dass die gesamte Asset-Klasse in drei bis vier Jahren verschwinden müsste, damit man hier kein Geld verdient. Eine vernünftige Unternehmensanalyse immer vorausgesetzt, denn es werden sicherlich tatsächlich zahlreiche Schuldner pleitegehen. Selbst bei einer nur leichten Normalisierung dürften hier jährlich zweistellige Gewinne in nächsten Jahren machbar sein. DAS INVESTMENT.com: Was halten Sie von Papieren mit Investment-Qualität? Gasser: Nicht ganz so viel. Bei diesen Schuldnern ersetzen wir die normalen Anleihen lieber durch Wandelanleihen gleicher Qualität. DAS INVESTMENT.com: Warum? Gasser: Sie bieten inzwischen gegenüber den normalen Unternehmensanleihen in vielen Fällen Zinsvorteile von einem bis zwei Prozentpunkten. Das gab es noch nie. Und zusätzlich hat jede Wandelanleihe noch die Option zum Aktienbezug. Sollten sich also die Aktienmärkte erholen, würde das die Kurse der Wandelanleihen zusätzlich beflügeln. DAS INVESTMENT.com: Und falls sie noch einmal einbrechen, brechen die Wandelanleihen mit? Gasser: Nur unterproportional. Zurzeit sind die Kurse der Aktienmärkte so niedrig, dass die Wandeloptionen nur wenig wert sind. Sie bewegen sich deshalb auch kaum. Wandelanleihen nehmen die Kursbewegungen der Aktien insgesamt nur zu etwa 15 bis 20 Prozent mit. DAS INVESTMENT.com: Dann ist beim Aufschwung aber auch nicht viel drin. Gasser: Doch. Je stärker sich die Aktienkurse den Wandelpreisen wieder annähren, desto wertvoller und vor allem kurssensitiver werden die Optionen wieder. Und desto höher wird die Partizipationsrate der Wandelanleihe.

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